Die Arbeitswelt im öffentlichen Raum in Ljungby

Nach den schweren Themen von den Moorlagern im Emsland zu etwas Leichterem. Wir machen Station in Ljungby in Småland in Schweden. Bei unserer Stadtrundfahrt mit den Rädern fallen uns riesige Wandgemälde auf.

Künstler: Sven Ljungberg
Standort: Fassade des Postamtes (Kreuzung Stationsgatan/Storgatan)

Ljungy erhielt 1936 das Stadtrecht und liegt an der E4 und Hagenern industriellen Charakter. Ljungby ist Standort von Electrolux Laundry Systems und Wascator. Beide Firmen sind Hersteller für professionelle Waschmaschinen.
Bei unserem Sightseeing hielten wir nun Ausschau nach weiteren Objekten, die etwas mit Arbeitswelt und Kunst im öffentlichen Raum zu hatten.

Zu den weiteren Objekten, die wir entdeckten

KZ-Esterwegen – die Hölle am Waldesrand

Im (Früh)Sommer 1933 entstanden in Börgermoor und Esterwegen die ersten im Deutschen Reich vollständig neu als Muster-Barackenlager vom Preußischen Staat geplanten und errichteten Konzentrationslager, Neusustrum folgte im September. Das Konzentrationlager wurde als Doppellager für 2.000 Häftlinge zwischen Juni und August 1933 errichtet. Wegen massiver Schikanen und zahlreicher Mordfälle sprachen die Häftlinge schon bald von der „Hölle am Waldesrand“. Es wurden vorwiegend politische Häftlinge in „Schutzhaft“ dort inhaftiert.1

wir besuchen an zwei Halbtagen, weil die Fülle der Informationen und die „Schwere des Geschehens“ auf einmal für uns nicht verlautbar ist. Es sind zusätzlich mehrere Ausstellungen hier untergebracht und das Gelände des ehemaligen Konzentrationslager als Gedenkort gestaltet.
Ich werde unsere Besuche in zwei Blogbeiträge aufteilen. In diesem Artikel den Besuch des ehemaligen Lagergeländes.

Weiter zum ehemaligen Lagergelände

Begräbnisstätte Esterwegen – Friedhof Bockhorst

Nach dem Besuch der Gedenkstätte Börgermoor radeln wir weiter zum Friedhof Esterwegen. Wir erreichen auf Umwegen den Parkplatz von dem man auf einem Weg umgeben hohen Büschen zum Friedhof gelangt.

Die namenlosen Grabsteine stehen auf einer Grünfläche umgeben von einer dichten Baumreihe. Die Bäume beschützen die Toten und geben dem Friedhof einen Raum des Gedenkens. Dieser „gesicherte“ Raum des Gedenkens versperrt auch den Blick von aussen. Diese Anlage bietet einen emotionalen Schutzraum im Erinnern an die Leiden und Schmerzen abseits der Hektik des Alltags. Die Bäume brechen das einfallende Licht und geben der Zeit eine für mich eigene Dimension. Die „steinernen“ Gedenksteine sind das natürliche Gegenstück zum Moor, wo diese Menschen gestorben sind. Als würden sie anklagend schreien: „Uns kann das Moor nicht verschlingen!“

Ich empfinde den Friedhof als einen Raum wo ich jetzt traurig, suchend, wütend oder einfach nur still sein kann. Ich fühle mit den Opfern und spüre einerseits die Schwere des Ortes und bin gleichzeitig froh, dass hier Gelegenheit zum historischen Lernen geschaffen wurde. Mit den Gedenktafeln und Symbolen des Mahnens wird uns als Besucher:innen der Weg zu den entscheidenden Fragen geebnet – wie konnte es dazu kommen? Wer waren die Täter? Welche politischen Strukturen haben das ermöglicht?

Und doch hat diese gesicherte Abgeschlossenheit ihre Kehrseite. Zwei Tage später sind wir mit dem Auto daran vorbeigefahren und wir haben nichts gesehen. Würde das Hinweisschild fehlen wären die Toten eine Insel der Geschichte.


Denkmäler und Gedenkstätten im Friedhof klagen die Täter an und erinnern an die 1.343 Opfer, die begraben sind. Die Willkür des Tötens der Wachmannschaften wir ersichtlich, dass die genaue Opferzahlen nicht bekannt ist und nur 813 begrabene Menschen namentlich erfasst sind.

Im Herbst 1963 stellte die Essener Gewerkschaftsjugend der IG Bergbau ein Mahnmal zur Erinnerung an den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889 – 1938) – einem der bekanntesten Häftlinge des KZ Esterwegen – auf.

Weiter im Gedenken

Lager II Aschendorfermoor

Die erste Gedenkstätte, die wir bei einem Radausflug besuchen gilt dem ehemaliger Kz-Lager Aschendorfermoor. Wo das einstige Lager stand sieht man heute nur landwirtschaftliche Nutzflächen. Eine Krigesgräberstätte erinnert an das Strafgefangenenlager, das ab April 1935 hier geschaffen wurde. Von Juli 1937 bis Mai 1940 wurden hier über 2.200 politische Gefangene der Emslandlager zusammengezogen.

Die Luftaufnahmen zeigen das damalige Lager und die heutige landwirtschaftliche Nutzung1.

Mein erster Eindruck war Enttäuschung, weil ein einzelner Stein an das Grauen des KZ erinnert. Dann fragte ich mich, welche Bedeutung wird der Birke in diesem Kreis gegeben. In einigen europäischen Gesellschaften steht die Birke für Neubeginn oder symbolisiert einen Übergang zum Beispiel den Übergang vom Nationalsozialismus in die demokratische Nachkriegsordnung von 1945?

Weitere Informationen zur Gedenkstätte Aschendorfermoor

Die Moorsoldaten

Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum. Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm.  
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor.  
Hier in dieser öden Heide ist das Lager aufgebaut,  wo wir fern von jeder Freude  hinter Stacheldraht verstaut.  
Wir sind die Moorsoldaten…

Wir haben das Lied vor 50 Jahren in der Gewerkschaftsjugend gelernt. In der ÖGJ hörte und las ich damals erstmals über den Nationalsozialismus, über das furchtbare Leid und den Widerstand.

Aufnahme aus der Gedenkstätte Esterwegen

Jetzt bekommt das Lied eine neue inhaltliche Dynamik für uns. Wir sind mit den Räder aus Papenburg zur Gedenkstätte hier in Börgermoor gefahren. Wir stehen vor dem „Moorsoldaten aus Holz“ und den Informationstafeln und versuchen das Bild auf uns wirken zu lassen. Die Situation ist eingebettet in das alltägliche Geschen einer Baustelle und der Einfahrt zu einem Betrieb, wo die Einfahrtstür elektrisch gesteuert wird. Der Blick des Moorsoldaten in die Ferne gerichtet wie die Weite des Moors, die stramme Haltung als Ausdruck der Unterordnung in ein sadistisches System der SS, der schmale Körper, gekennzeichnet von Hunger und Sklavenarbeit. Stramm stehend mit dem Spaten, seinem Instrument der Unterdrückung.

Bis Kriegsbeginn waren hier Menschen inhaftiert, die vom NS-Regime aus politischen, rassistischen, sozialen oder religiösen Gründen verfolgt wurden. Hinzu kam eine weitaus größere Gruppe von Gefangenen, die wegen krimineller Delikt verurteilt worden waren

Nach Kriegsbeginn verlegten die Justizbehörden zunehmend auch von Wehrmachtgerichten verurteilte, ehemalige Soldaten in das Lager. Im September 1944 richtete die Wehrmachtshaftanstalt Münster eine selbständige Außenstelle im Lager ein1.

Weitere Eindrücke vom Besuch der Gedenkstätte Börgermoor

Eine Nachbetrachtung zum Moormuseum Emsland

„Noch in den 1880er Jahren beschränkte sich die Nutzung der nordwestdeutschen Moore in der Hauptsache auf Schafweide, Torfgewinnung und Buchweizenanbau mittels Brennkultur. Die Torfgewinnung geschah zumeist für den eigenen Bedarf; für den Verkauf wurde nur in solchen Mooren Torf gewonnen, die nicht zu weit von Städten und Dörfern entfernt lagen.
Versuche, dem Torf ein größeres Absatzfeld zu schaffen, um ihn etwa für den Eisenbahnbetrieb oder für die Industrie zu verwerten, scheiterten aufgrund der Konkurrenz durch die Kohle.

Weite Teile des Emslandes waren ohne befestigte Straßen; im Winter waren die Sand- und Moorwege oft wochenlang unpassierbar. Die Bausubstanz vieler Häuser in den Mooren bestand aus wiederverwendeten Holzbalken alter Häuser und Lehm, das Dach aus bemoostem Stroh oder Erdplaggen.

Kleine Öffnungen in den Wänden dienten als Fenster. Diese häufig nicht einmal mit einem festen Boden ausgestatteten Behausungen dienten einer Vielzahl von zumeist kinderreichen Heuerlings-, Torfarbeiter- und Kleinbauernfamilien als Wohnstatt. Eine Untersuchung der Niedersächsischen Heimstätte vermerkt hierzu: „Sind doch heute noch, im Jahre 1929, die Bewohner ganz weiter Landstriche mit Dörfern und größeren Siedlungen auf dem Kulturniveau entlegener Polendörfer, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn sie uns in ihrer Primitivität wie Hottentottengründungen anmuten.“

Dieser Text stammt von einer Informationstafel im Museum. Ich war schockiert und sehr verärgert. Schockiert über die Lebensbedingungen der Bevölkerung und verärgert über den letzten Satz auch wenn es Zitat der Niedersächsischen Heimstätte ist. Diese fremdenfeindlichen Bemerkungen sind abwertend rassistisch und diskriminierend gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Sie haben im Museum nichts verloren oder müssen im richtigen Kontext erklärt werden.

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