Die erste Gedenkstätte, die wir bei einem Radausflug besuchen gilt dem ehemaliger Kz-Lager Aschendorfermoor. Wo das einstige Lager stand sieht man heute nur landwirtschaftliche Nutzflächen. Eine Krigesgräberstätte erinnert an das Strafgefangenenlager, das ab April 1935 hier geschaffen wurde. Von Juli 1937 bis Mai 1940 wurden hier über 2.200 politische Gefangene der Emslandlager zusammengezogen.
Die Luftaufnahmen zeigen das damalige Lager und die heutige landwirtschaftliche Nutzung1.
Mein erster Eindruck war Enttäuschung, weil ein einzelner Stein an das Grauen des KZ erinnert. Dann fragte ich mich, welche Bedeutung wird der Birke in diesem Kreis gegeben. In einigen europäischen Gesellschaften steht die Birke für Neubeginn oder symbolisiert einen Übergang zum Beispiel den Übergang vom Nationalsozialismus in die demokratische Nachkriegsordnung von 1945?
Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum. Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm. Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor. Hier in dieser öden Heide ist das Lager aufgebaut, wo wir fern von jeder Freude hinter Stacheldraht verstaut. Wir sind die Moorsoldaten…
Wir haben das Lied vor 50 Jahren in der Gewerkschaftsjugend gelernt. In der ÖGJ hörte und las ich damals erstmals über den Nationalsozialismus, über das furchtbare Leid und den Widerstand.
„Vierfach ist umzäunt die Burg…“
Aufnahme aus der Gedenkstätte Esterwegen
„Morgens ziehen die Kolonnen in das Moor zur Arbeit hin. Graben bei dem Brand der Sonne, doch zur Heimat steht der Sinn.“
Jetzt bekommt das Lied eine neue inhaltliche Dynamik für uns. Wir sind mit den Räder aus Papenburg zur Gedenkstätte hier in Börgermoor gefahren. Wir stehen vor dem „Moorsoldaten aus Holz“ und den Informationstafeln und versuchen das Bild auf uns wirken zu lassen. Die Situation ist eingebettet in das alltägliche Geschen einer Baustelle und der Einfahrt zu einem Betrieb, wo die Einfahrtstür elektrisch gesteuert wird. Der Blick des Moorsoldaten in die Ferne gerichtet wie die Weite des Moors, die stramme Haltung als Ausdruck der Unterordnung in ein sadistisches System der SS, der schmale Körper, gekennzeichnet von Hunger und Sklavenarbeit. Stramm stehend mit dem Spaten, seinem Instrument der Unterdrückung.
Bis Kriegsbeginn waren hier Menschen inhaftiert, die vom NS-Regime aus politischen, rassistischen, sozialen oder religiösen Gründen verfolgt wurden. Hinzu kam eine weitaus größere Gruppe von Gefangenen, die wegen krimineller Delikt verurteilt worden waren
Nach Kriegsbeginn verlegten die Justizbehörden zunehmend auch von Wehrmachtgerichten verurteilte, ehemalige Soldaten in das Lager. Im September 1944 richtete die Wehrmachtshaftanstalt Münster eine selbständige Außenstelle im Lager ein1.
„Noch in den 1880er Jahren beschränkte sich die Nutzung der nordwestdeutschen Moore in der Hauptsache auf Schafweide, Torfgewinnung und Buchweizenanbau mittels Brennkultur. Die Torfgewinnung geschah zumeist für den eigenen Bedarf; für den Verkauf wurde nur in solchen Mooren Torf gewonnen, die nicht zu weit von Städten und Dörfern entfernt lagen. Versuche, dem Torf ein größeres Absatzfeld zu schaffen, um ihn etwa für den Eisenbahnbetrieb oder für die Industrie zu verwerten, scheiterten aufgrund der Konkurrenz durch die Kohle.
Weite Teile des Emslandes waren ohne befestigte Straßen; im Winter waren die Sand- und Moorwege oft wochenlang unpassierbar. Die Bausubstanz vieler Häuser in den Mooren bestand aus wiederverwendeten Holzbalken alter Häuser und Lehm, das Dach aus bemoostem Stroh oder Erdplaggen.
Kleine Öffnungen in den Wänden dienten als Fenster. Diese häufig nicht einmal mit einem festen Boden ausgestatteten Behausungen dienten einer Vielzahl von zumeist kinderreichen Heuerlings-, Torfarbeiter- und Kleinbauernfamilien als Wohnstatt. Eine Untersuchung der Niedersächsischen Heimstätte vermerkt hierzu: „Sind doch heute noch, im Jahre 1929, die Bewohner ganz weiter Landstriche mit Dörfern und größeren Siedlungen auf dem Kulturniveau entlegener Polendörfer, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn sie uns in ihrer Primitivität wie Hottentottengründungen anmuten.“
Dieser Text stammt von einer Informationstafel im Museum. Ich war schockiert und sehr verärgert. Schockiert über die Lebensbedingungen der Bevölkerung und verärgert über den letzten Satz auch wenn es Zitat der Niedersächsischen Heimstätte ist. Diese fremdenfeindlichen Bemerkungen sind abwertend rassistisch und diskriminierend gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Sie haben im Museum nichts verloren oder müssen im richtigen Kontext erklärt werden.
Ein Auszug von unserem Besuch im Moormuseum Emsland. Neben den tollen Informationen zu den wichtigen ökologischen Fragen, zur Entwicklung der Besiedlung des Gebiets und der ärmlichen Lebensumstände Bevölkerung gehen wir der Frage des „Arbeitsdienstes“ in den Moorlagern nach. Die Kultivierung des Moorlandes in ertragreiches Ackerland und Wohnraum waren politische Versprechen beginnend im Kaiserreich und vor allem im Nationalsozialismus, wo Tausende zu Zwangsarbeit mißbraucht wurden. Ein Dankeschön an die Verantwortlichen des Museums, dass sie auch die dunklen Seiten der Geschichte bei der Kultivierung der Moorlandschaft hier im Emsland beleuchten.
Die Wurzeln des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) lagen in der ersten Nachkriegszeit in Deutschland, als die Forderung nach einem „Ersatz für die verloren gegangene Erziehungsschule des Heeres“ erhoben wurde1.
So war der FAD wie geschaffen für die arbeitsintensive Emslandkultivierung. Einsatzbereiche waren vor allem Straßen- und Wegebau, Kultivierung und Entwässerung, so am Küstenkanal oder beim Bau des Walchumer Schlotes. Bis Ende 1932 entstand im Emsland und dem Kreis Grafschaft Bentheim eine große Anzahl von Lagern nahe den Einsatzorten. Allein im Kreis Meppen wurden 830 Arbeitsdienstwillige bei 20 Projekten eingesetzt
Im Emsland waren vor allem katholische Verbände Träger des Dienstes, aber auch studentische oder Turnvereine. Während sie junge Leute von der Straße holen und zum Anpacken motivieren wollten, ging es den Auftrag gebenden Kreisen und Gemeinden um billige Arbeitskräfte2. Die Dauer war auf 20 Wochen beschränkt und der Lohn war die Weiterbezahlung der Arbeitslosen- bzw. Krisenunterstützung.
Da das NS-Regime im Arbeitsdienst eine Teilantwort auf die Wirtschaftskrise sah, löste es den 1931 ins Leben gerufenen FAD nach der Machtergreifung nicht auf, sondern gestaltete ihn nach seinen Vorstellungen sukzessive zu einem Instrument der bewussten Erziehung zur „Volksgemeinschaft“ um.
Das Bild stammt aus dem Moormuseum Emsland
Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war klar durchstrukturiert: Der RAD gliederte sich in 30 „Arbeitsgaue“, 182 „Gruppen“ und 1.260 „Abteilungen“, es gab eine ausgefeilte Hierarchie (vom „Vormann“ bis zum „Obergeneralarbeitsführer3“).