Lernort Arbeiter:innenbildungsvereine

Wenn man die Betriebe als Wiege der Arbeiter:innenbwegung bezeichnet, waren die Arbeiter:innenbildungs die Wiege der Organisationsentwicklung der Arbeiter:innen. Hier hatten sie die Möglichkeit im Kollektiv

  • an neue Informationen zu kommen
  • hier hatten sie Zugang zur Weiterbildung
  • es gab kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten wie Gesang, Sport, Kunst,..
  • es kam zum Austausch über verschiedene politische Strömungen (“Selbsthilfer” versus “Staatshilfler”)
  • sie lernten sich gegenüber der Staaatsmacht zu organisieren
  • es entstand ein erstes Klassenbewusstsein als Arbeiter:innenklasse.

Die Politisierung entwickelte sich anhand von Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse wie z.B. Arbeitszeitverkürzung und gesellschaftspolitischen Forderungen wie dem allgemeinen Wahlrecht.
Die logische Konsequenz daraus war die Bildung von Fachvereinen und gewerkschaftsähnlichen Strukturen und der Ruf nach politischen Parteien. Dieser Weg war gepflastert mit Erfolgen und Niederlagen.

Die politische und inhaltliche Orientierung ging von Schulze-Delitzisch (Selbsthilfler) zu Lassalle (Staatshilfler) zu marxistischen Ausrichtungen mit kleineren anarchistischen Strömungen.

Die Bürokratie des monarchistischen Staates unternahm alles, um die Vereine zu verbieten, ihnen den Vereinsalltag so schwer wi möglich zu machen. Dabei scheute man nicht vor Polizeigewalt oder Einsatz des Militär zurück. Bürgerliche Vereine konnten sich monarchieweit ausbreiten, den Arbeiter:innenbildungsvereinen wurde dies untersagt.

ZEITTAFEL

Die chronologische Gliederung umfasst in erster Linie Ereignisse und Aktivitäten rund um Arbeiter:innenbildungsvereine. Für Fachvereine und Gewerkschaften wird es eine eigene Zeittafel geben.

1848
Am 4. Mai durch den Schuhmachergesellen Friedrich Sander.
Am 24. Juni fand die Konstituierung im Gasthof “Zum Fürstenhof” in der Landstrasse.
Am 5. August wurde Friedrich Sander zum Präsidenten gewählt.
In Graz wollte man ebenfalls einen Arbeiterverein gründen.

Gründungdes Wiener Arbeiterclub, später “Concordia” in welchem Dr. Witlacil die Arbeiter für Deutschtum und deutsche Freiheit zu präparieren versucht.

Anfang Oktober 1848 gab es einen Leseverein der Schriftgießer, Setzer und Drucker.

1862
Versuch der Gründung eines Arbeiterbildungsvereins durch den Proponenten Johann Wagner, Schriftsteller und Herausgeber einer Vorstadtzeitung. Die Vereinsgründung wurde am 22. April 1863 abgelehnt.

1866
Im Oktober trafen sich in einer Privatwohnung am Schoittenfeld Arbeiter zur Gründung einer Arbeiterinvalidenkasse. Dabei entstand die Idee einen Fortbildungsverein für Handwerker zu gründen. Am 7.1.1867 wurden die Statuten eingereicht.

1867
15. Dezember – 3000 Teilnehmer an der Gründungsversammlungin Schwenders Kolosseum. An die 1000 Personen treten dem Verein sofort bei.

1868
Am 11. Jänner Gründung einer Ortsgruppe im Saale des Ottakringer Brauhauses.
Am 12. Jänner versuchte die Selbsthilfler (Anhänger des Schulze-Delitzisch) einen eigenen Arbeiterbildungsverein zu gründen. Die Versammlung beschloss sich dem Gumpendorferbildungsverein anzuschließen.
Die dritte Versammlung des Gunmpendorfer Arbeiterbildungsvereins fand am 17. Februar in der Roth´schen Reitschule statt1.
Im Februar 1868 fand der erste Arbeiterball statt.
Am 9. März Beschlusss zur Gründung eines ABV in Graz
April 1868 – Gründung eines slavischen Arbeitervereins
10. Mai – 5. Arbeitertag: Manifest an das arbeitende Volk in Österreich2
Am 13. Juli wurde der ABV Linz gegründet.
5. August – 8. Arbeitertag
30. August – 9. Arbeitertag: Beschluss eines umfassenden Programm3

1869
Im Jänner 1869 wird in Steyr eine ABV gegründet. Die erste Besprechung findet in Berger´s Gasthause zum “Schwarzen Adler” statt.4
Im Februar 1869:Gründung des ABV “Vorwärts” in Graz.
März 1869 – In Innsbruck soll ein ABV im Entstehen sein.5
13. Dezember 1869 – Demonstration des Wiener ABV mit 20.000 AN:innen zur durchsetzung des Koalitionsrecht.
Gründung der Arbeiterbildungsvereine Zeltweg, Judenburg, Frohnleiten und Marburg.

1870
Am 30. Juli 1870 behördliche Untersagung des Wiener ABV.
August 1870 – Auflösung der Arbeitervereine in der Provinz und Beschlagnahme des Vermögens dieser Vereine.
Einreichung neuer Statuten für den Wiener ABV am 18. August 1870.

1871
Im Jänner Genehmigung des Arbeiterinnen-Bildungsverein in Wien.
Am 15. Jänner Generalversammlung des ABV Klagenfurt.
30. Jänner – Auflösung des Marburger ABV
Am 27. Februar fand im Sophiensaal eine große Arbeiterversammlung statt.
Am 7. März Arbeiterversammlung in Graz.

1873
Im Arbeiterkalender von 1873 werden 67 Arbeiterbildungsvereine mit 16.365 Mitgliedern angeführt.6

1874
Am 5. März 1874 – Auflösung des ABV Linz durch die oberösterreichische Statthalterei.

1879
Im Jänner 1879 Auflösung des ABV Salzburg, weil bei einer Monatsversammlung einige sozialdemokratische Broschüren im Vereinslokal vom Regierungsvertreter gefunden wurden.
Im Arbeiterkalender 1879 werden 79 Arbeiterbildungsvereine aufgeführt.

1880
Verbot des ABV Neunkirchen am 15. Oktober 1880