Die Stollen des Grauens des ehemaligen KZ Gusen

Bei unserem Besuch in Gusen wandern wir zum Eingang der Stollenanlage „Bergkristall“ des ehemaligen KZ Gusen. Wir sind auf der Suche nach Eindrücken und Informationen für unsere zukünftige Studienreise der Roten Spuren im Frühjahr 2027. Die Fotos bei diesem Artikel stammen grossteils von den Informationstafeln1 vor der Gedenkstätte.

Das Stollensystem „Bergkristall“ war Teil des KZ-Komplexes Mauthausen-Gusen. Tausende Häftlinge errichteten das unterirdische Stollensystem, das für die Rüstungsindustrie genützt wurde.2

ZUM GEDENKEN AN DIE VIELEN TAUSENDEN POLNISCHEN HÄFTLINGE DER KONZENTRATIONSLAGER VON GUSEN,
DIE DURCH SKLAVENARBEIT FÜR DIE RÜSTUNGSINDUSTRIE DES DRITTEN REICHES IN DEN BERGKRISTALL-STOLLEN AUSGEBEUTET, GEPEINIGT UND ERMORDET WURDEN

Die Stollenanlage verfiel jahrzehntelang und wurde teilweise durch Bergbau zerstört. 2001 übernahm die Republik Österreich die Rechtsnachfolge für das Dritte Reich und begann mit umfangreichen Sicherungsmaßnahmen. So wurden in den Jahren 2003 und 2004 mehrere Millionen Euro investiert. Etwa ein Viertel der Anlage konnte durch die Bundesimmobiliengesellschaft gesichert werden3.
Über 8.600 Häftlinge starben beim Bau der Stollen bzw. bei der Rüstungsproduktion. In nur wenigen Monaten wurde bis Ende November 1944 über 21.000 m2 Fertigungsfläche fertiggestellt, auf der parallel zum weiteren Ausbau des Stollens bereits mit der Produktion von Flugzeugteilen begonnen wurde. Bis zur Befreiung wurde die Anlage beinahe vollständig ausgebaut und erreichte knapp 49.300 m2 bzw. 8,15 Kilometer Stollenlänge.

Sklavenarbeit für die Rüstungsindustrie

Deutsche und österreichische Gefangene

Das Konzentrationslager Gusen war ursprünglich zur Verfolgung politischer Gegner aus dem Reichsgebiet, einschließlich des annektierten Österreichs, vorgesehen. Die überwiegende Mehrheit der nach Gusen deportierten deutschen Gefangenen wurde als „kriminell“ eingestuft (BV- oder SV-Häftlinge), andere wurden als „asozial“ diffamiert, aufgrund ihrer Homosexualität diskriminiert oder aus rassistischen oder religiösen Gründen inhaftiert.

Die Gefangenen des Deutschen Reiches (DR) bildeten in Gusen bald eine Minderheit von wenigen Hundert Personen, bekleideten aber die wichtigsten Positionen innerhalb der Zwangsgefangenengesellschaft. Von Dezember 1942 bis Ende 1943 wurden mehr als 2.200 deutsche „Sicherheitsgefangene“ (SV) nach Gusen gebracht. Es handelte sich um Justizgefangene, die aufgrund einer Vereinbarung zwischen Himmler und Justizminister Thierack zur „Vernichtung durch Arbeit“ in ein Konzentrationslager verlegt worden waren. Bis April 1943 waren mehr als 1.500, insgesamt etwa 2.000 dieser SV-Häftlinge, getötet worden.

Am Vorabend der Befreiung befanden sich knapp 1.200 deutsche Reichsgefangene in Gusen. Obwohl als Deutsche registrierte Häftlinge im Allgemeinen bessere Überlebenschancen hatten, starben mindestens 3.300 der insgesamt mindestens 5.400 deutschen Reichsgefangenen in Gusen4.

Polnische politische Häftlinge

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 wurden Teile Polens dem Deutschen Reich angegliedert, das Restgebiet als „Generalgouvernement“ verwaltet. Die Verfolgung der polnischen Bevölkerung hatte politische wie rassistische Gründe. Neben der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung wurden alle Polen gnadenlos verfolgt, die verdächtigt wurden, mit der polnischen Widerstandsbewegung in Verbindung zu stehen.

Die ersten polnischen Häftlinge kamen am 8. März 1940 aus Buchenwald zum Lageraufbau nach Gusen. Zwischen Mai und August 1940 wurden insgesamt etwa 7.500 polnische Häftlinge aus den Lagern Dachau und Sachsenhausen nach Gusen verlegt. Mehrere tausend Polen wurden ab Anfang 1943 als SV-Häftlinge aus polnischen Gefängnissen nach Gusen überstellt

Trotz bestehender rassistischer Vorurteile und hoher Sterblichkeit konnten sich manche Polen in der Lagerhierarchie nach oben arbeiten. Insgesamt sind mindestens 25.000 polnische Häftlinge nach Gusen deportiert worden. Am Vorabend der Befreiung befanden sich knapp 8.300 Polen in den Gusener Lagern, darunter etwa 1.300 jüdische Häftlinge. Mindestens 13.000 Polen sind in Gusen umgekommen oder in Hartheim ermordet worden, andere wurden zum Sterben nach Mauthausen überstellt

Sowjetische Kriegsgefangene

Einige Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion gelangten die ersten sowjeti- schen Kriegsgefangenen (SU Kgf.) in die Konzentrationslager. Einer direkten Weisung Hitlers gemäß sollten politische Funktionäre unter den SU Kgf. sofort getötet werden.
Sie wurden in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht ausgesiebt und – sofern man sie nicht an Ort und Stelle tötete – zur Exekution in die Konzentrationslager überstellt. Manche wurden „von der Exekution zurückgestellt“ und für den Arbeits- einsatz herangezogen.
Die ersten SU-Kgf kamen im Oktober 1941 nach Gusen. Sie waren für den Arbeits- einsatz im Konzentrationslager ausgewählt worden. Ihre Unterbringung erfolgte bis Sommer 1943 räumlich und organisatorisch getrennt von den übrigen Häftlingen.
Obwohl keine explizite Tötungsabsicht bestand, wurde die überwiegende Zahl der ca. 4.400 bis Herbst 1943 nach Gusen deportierten SU-Kgf. durch Arbeit, miserable Haftbedingungen und systematischen Nahrungsmittelentzug getötet.
In den Jahren 1944/45 kamen zumindest knapp 2.000 weitere SU-Kgf. nach Gusen. Im vom Standortarzt geführten Totenbuch sind für Gusen über 3.000 verstorbene SU- Kgf. registriert, die tatsächliche Zahl der Toten dürfte mehr als 4.000 betragen.

Die Toten von Gusen

Blogeinträge zu Gusen


Quellenverzeichnis

  1. Im Dezember 2015 wurden an der rechten Seite des neuen Einganges schwarze Gedenktafeln installiert, die einen kurzen Abriss der Geschichte des Konzentrationslagers Gusen, des Stollens sowie des Stammlagers Mauthausen in deutscher, polnischer, englischer und italienischer Sprache zeigen. Diese Informationstafeln wurden von der Republik Polen finanziert. ↩︎
  2. Mauthausen-Memorial ↩︎
  3. Aus einem Forum für vergessene Geschichte und Orte. ↩︎
  4. Text aus den Unterlagen in der Gedenkstätte ↩︎

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