Nach dem Besuch der Gedenkstätte Börgermoor radeln wir weiter zum Friedhof Esterwegen. Wir erreichen auf Umwegen den Parkplatz von dem man auf einem Weg umgeben hohen Büschen zum Friedhof gelangt.

Raum des Gedenkens an die „Moorsoldaten“ – wir stehen kahl und stumm
Die namenlosen Grabsteine stehen auf einer Grünfläche umgeben von einer dichten Baumreihe. Die Bäume beschützen die Toten und geben dem Friedhof einen Raum des Gedenkens. Dieser „gesicherte“ Raum des Gedenkens versperrt auch den Blick von aussen. Diese Anlage bietet einen emotionalen Schutzraum im Erinnern an die Leiden und Schmerzen abseits der Hektik des Alltags. Die Bäume brechen das einfallende Licht und geben der Zeit eine für mich eigene Dimension. Die „steinernen“ Gedenksteine sind das natürliche Gegenstück zum Moor, wo diese Menschen gestorben sind. Als würden sie anklagend schreien: „Uns kann das Moor nicht verschlingen!“
Ich empfinde den Friedhof als einen Raum wo ich jetzt traurig, suchend, wütend oder einfach nur still sein kann. Ich fühle mit den Opfern und spüre einerseits die Schwere des Ortes und bin gleichzeitig froh, dass hier Gelegenheit zum historischen Lernen geschaffen wurde. Mit den Gedenktafeln und Symbolen des Mahnens wird uns als Besucher:innen der Weg zu den entscheidenden Fragen geebnet – wie konnte es dazu kommen? Wer waren die Täter? Welche politischen Strukturen haben das ermöglicht?
Und doch hat diese gesicherte Abgeschlossenheit ihre Kehrseite. Zwei Tage später sind wir mit dem Auto daran vorbeigefahren und wir haben nichts gesehen. Würde das Hinweisschild fehlen wären die Toten eine Insel der Geschichte.
Das Denkmal als Zeuge in der Zeit
Denkmäler und Gedenkstätten im Friedhof klagen die Täter an und erinnern an die 1.343 Opfer, die begraben sind. Die Willkür des Tötens der Wachmannschaften wir ersichtlich, dass die genaue Opferzahlen nicht bekannt ist und nur 813 begrabene Menschen namentlich erfasst sind.


Im Herbst 1963 stellte die Essener Gewerkschaftsjugend der IG Bergbau ein Mahnmal zur Erinnerung an den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889 – 1938) – einem der bekanntesten Häftlinge des KZ Esterwegen – auf.

Dieses Mahnmal wurde im Gedenken an 8 freimaurerische Mitglieder der belgischen Widerstandsbewegung errichtet, die in den Jahren 1943/44 in Esterwegen (Lager VII) im Block der ausländischen „Nacht und Nebel“-Gefangenen in der Baracke Nr. 6 inhaftiert waren.

Unter schwierigsten Voraussetzungen gründeten und belebten sie dort die Freimaurerloge „Liberté Chérie“, einmaliges Vorkommnis in der Geschichte nationalsozialistischer Konzentrationslager. (Inschrift im Gedenkstein)


In der Mitte des Friedhofs wurde ein weiterer Raum geschaffen wo die Tragweite Ereignisse sichtbar wird. Riesige Steinblöcke erinnern an die einzelnen Konzentrationslager. Hier trifft meine emotionale Relevanz, auf die Gewissheit meine historische Arbeit und meine Gedanken zum Werkzeug des Verstehens zu formen.

1972/73 wurde der Friedhof von der Bezirksregierung Weser-Ems vollständig umgestaltet und erhielt seine jetzige Form. Der Osnabrücker Bildhauers Hans Gerd Ruwe schuf eine abstrakte Skulptur, zudem stellte man einen Gedenkstein mit der Aufschrift »Hier ruhen unbekannte Tote, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Lager Esterwegen und in anderen Emslandlagern ums Leben gekommen sind.« auf. (Gedenkstätte Esterwegen)

Am unteren Ende des Friedhofs steht ein großes Kreuz. Es symbolisiert für mich Zeit und Ewigkeit.

