Großraming – eine Brücke der Qualen

Dieses Denkmal steht im Kreisverkehr bei einer Brücke über Rückstaubereich der Enns

Tod durch Zwangsarbeit

In meiner Jugend hörte ich im Innviertel öfters den Ausspruch „ein kleiner Hitler gehört wieder her“. Und meistens im Zusammenhang, damit die Leute wieder einmal richtig arbeiten lernen. Ob sie das gemeint hatten? Diese Erinnerung ging mir durch den Kopf, als ich die Erklärung auf einer Schautafel zu diesem Denkmal las.

Die Häftlinge im KZ-Außenlager Großraming wurden sowohl beim Kraftwerksbau als auch bei den Erschließungsarbeiten eingesetzt. Die Bauunternehmen Rella & Co und Kunz & Co führten den Bau des Kraftwerks durch. Für die schweren ersten Erd- und Steinarbeiten wurden hauptsächlich KZ-Häftlinge mit einfachem Werkzeug und Scheibtruhen herangezogen. In dieser Zeit, Jänner 1943 bis Juli 1943, stieg die Sterberate der Häftlinge stark an.

KZ-Aussenlager Großraming, Mauthausen Guides
Foto vom Lager auf dem Schaubild zur Erklärung des Denkmal – 14 Baracken, mit elektrisch geladenem Stacheldrahtzaun umgeben, waren für das ab 14. Jänner 1943 als Außenlager des KZ Mauthausen bezogene KZ Großraming bestimmt.

Fast die Hälfte der Häftlinge bestand aus politisch verfolgten Menschen aus Jugoslawien, weitere kamen aus Deutschland, Polen, Russland, Griechenland, Spanien und weiteren Ländern. Insgesamt wurden etwa 1.800 KZ-Häftlinge zwischen 19 und 56 Jahren nach Großraming transportiert, der Höchststand von 1.027 wurde am 13. Juli 1944 verzeichnet. Die schwere Zwangsarbeit, die mangelhafte Versorgung und die Gewalttaten der SS forderten 227 namentlich bekannte Todesopfer

Arbeit und Hunger zum grausamen Töten von Menschen

Wenn man das Lager oben sieht und dann immer hört „unsere Großeltern haben ja nicht gewusst was da passiert!“ dann wird einem Unfassbarkeit der versuchten Verdrängung bewusst.

Nach meiner Ankunft in Mauthausen wurde ich der Baracke 17 zugewiesen. Ich arbeitete tagelang ohne Unterbrechung im Steinbruch, das war ein furchtbarer Ort des Todes. Nach einer Zeit – im Juli des Jahres 1944 – wurde ich in ein Nebenlager in Großraming geschickt, wo ich gemeinsam mit einer Gruppe von ca. 200 bzw. 300 Leuten und vielen Italienern ankam und wo wir zum Bau eines Wasserkraftwerkes eingesetzt wurden. Das heißt, wir arbeiteten im Freien. Es war eine sehr harte Arbeit unter der Sonne. 
Wenig Essen, ein Essen, das zur Bekämpfung des Hungers völlig ungeeignet war. Und der akute Hunger wurde zu einem endemischen Hunger, das heißt, zu einem Hunger, der nicht mehr gestillt werden kann, weil er von einem totalen organischen Verfall und nicht von einem mehrtägigen oder auch mehrwöchigen Mangel an Essen, sondern wie gesagt, von einem Verfall des gesamten Körpers herrührt. Unser Schicksal war unaufhaltbar der Tod, das heißt, Krankheit, Auszehrung, Tod. Der Tod war Verfall. Der Tod infolge der tausenden Zwischenfälle, die in einer derartigen Situation eintreten können. Auf Grund der extremen Bedingungen, unter denen wir uns am Leben erhielten, ereigneten sich in den Lagern sehr oft Vorfälle, in denen keine Solidarität gezeigt wurde, ganz im Gegenteil, denn von einem Stück Brot und einem Napf Suppe konnte das Überleben abhängen. Ein Stück Brot zu stehlen oder sich den Napf Suppe anzueignen war also unmittelbar mit der Überlebensmöglichkeit verbunden. 

Der politscher Häftling in Großraming dDimondo Ricci, geb. 1921, später Senator in Genua

Bestialische Täter und neugierige Zuschauer

Bericht von Hans Riedler (Maurerlehrling aus Wartberg) über die Grausamkeiten des KZ-Lagers Großraming: Erzählt von seinem Schulfreund Gerorg Wagenleitner:

An einem Tag, Mitte April 1943, waren wieder 3 KZ-Häftlinge auf den Schieferstein geflohen. Sie wurden von den Suchhunden gefunden und gestellt. Doch dieses Mal wurden sie nicht erschossen. Für diesen Tag hatten die SS Oberen etwas anderes vor. Sie hatten sich diesmal wohl die grausamste Art ausgedacht, um Menschen zu töten. Was hatten die SS Peiniger mit dem KZ Häftlingen vor? Niemand wusste es, doch man ahnte Schlimmes. Schon am Nachmittag wurde an alle zivilen Arbeiter des Kraftwerksbau die Meldung durchgegeben: „Alle Arbeiter sollten sich nach Arbeitsschluss um das KZ einfinden, dort gibt es heute noch etwas besonders zu sehen.“
Nichts Gutes ahnend, was dort geschehen wird, hat sich auch Hans Riedler mit seinen Lehrlingskollegen dorthin begeben. Es war ein lauer Aprilabend und so setzten sie sich auf einen Wiesenhang, gleich hinter dem KZ. Von dort hatten sie die beste Einsicht in das Lager. Hätten sie in vorhinein schon gewusst welch grausames Schauspiel sie hier erwartet, wären sie sich nicht hin gegangen.
Plötzlich kam Bewegung ins Lager. Unter lautem Brüllen der SS Aufseher mussten sämtliche Häftlinge aus ihren Baracken heraus und am Lagerplatz antreten. Nachdem alle am Appellplatz standen, wurden die drei wiedereingefangenen Häftlinge vorgeführt. Ohne jede Bekleidung brachte man sie. Die SS Männer trieben sie vor sich her. Eine furchtbare Angst lag in den Gesichtern der 3 Häftlinge.
So standen sie nun vor ihren Mithäftlingen am Appellplatz und alle wussten sie nicht, was geschehen würde. So wie das alles vorbereitet wurde, ließ es aber bei allen Fürchterliches erahnen.
Da brachten SS-Aufseher Hunde herein. Hunde welche scheinbar für solche bestialischen Vorhaben ausgebildet worden waren. Die SS-Sadisten hetzten nun die Hunde auf die 3 Häftlinge. Die Bluthunde, stürzten sich sofort auf die nackten Häftlinge.
Unter totaler Verachtung menschlichen Lebens begann nun ein verzweifelter Kampf. Alles Wehren und Schreien vor Schmerz nützte den hilflosen Häftlingen nichts. Erbarmungslos wurden sie von diesen Bestien von Hunden bei lebendigem Leibe vor den Augen der Mithäftlinge zerfleischt und getötet. Es ist unvorstellbar und unsagbar, was diese armen Menschen an fürchterlichen Schmerzen bis zu ihrem qualvollen Tod haben erleiden müssen. Alle Lagerinsassen mussten sich diese entsetzliche Szene ansehen, wie ihre Leidensgenossen auf grausame Weise sterben mussten. Kein Vergehen konnte man ihnen nachweisen. Nur weil sie den unmenschlichen Qualen im Konzentrationslager entfliehen wollten, wurde ihnen so entsetzliches angetan.

Was mussten das für Menschen gewesen sein, die sich so grausames Töten unschuldiger Menschen ausdachten und so bestialisch vollführten. Auch wieder ein Beleg, dass es viele Augenzeugen gab. In diversen Einträgen zu den Ereignissen im KZ-Großraming wurde oftmals darauf hingewiesen, dass die befehlenden Täter nicht aus der Gegend waren. Das mag wahr sein, aber was ist mit den Zuschauer*innen bei solchen Greueltaten?

Alltag im Lager: KZ Großraming
„Lagerführer Ludolf nahm täglich an den Appellen teil und ließ auf sich stundenlang warten. Dann hat er persönlich jene Häftlinge bestimmt, denen die letzte Essensration ausgeteilt werden musste. Dies dauerte ungefähr eine halbe Stunde und hat vor allem im Winter den Zweck, den Tod bei körperschwachen Häftlingen zu beschleunigen. Das gelang ihm vor allem sehr gut bei Frost, wo vor allem Häftlinge mit Wassersucht einfach erfroren. In der Früh beim Abgang zur Arbeit kam es sehr oft vor, dass die Körperschwachen auf Grund der Erschöpfung am Boden liegen blieben. Dazu hat öfters Ludolf bemerkt, Seht, sie sterben lieber, als dass sie bereit wären eine Arbeit zu leisten; das sind Simulanten. Gewöhnlich hat er zu seiner Bemerkung laut gelacht. Manchmal hat er körperschwache Häftlinge aus der marschierenden Kolonne herausgezogen und gefragt, Du willst nicht mehr arbeiten, ich werde dir helfen und ordnete dann bestimmten Blockältesten an, er möge sich den Körperschwachen annehmen. […] Diese schleppten den Körperschwachen in den Waschraum und bearbeiteten ihn mit kaltem Wasser, bis er erfror.“ 

(Zitat aus dem Buch. Bericht von Stanislaus Zadrobilek vom 14.5.1945)

Allein in Oberösterreich bestanden 36 Lager, viele davon offensichtlich für die jeweilige Bevölkerung, die unmenschliche Arbeitsbedingungen, Sadismen, Mord und Totschlag aus nächster Nähe mitanschauen mußte. Weiters im Programm: Denunziationen unter Nachbarn, korrupte Nazi-Funktionäre, die aus dem unermeßlichen Leid der Lagerinsassen privat finanziell ordentlich profitierten, Einweisungen ins KZ und ins Euthanasieheim per Gemeinderatsbeschluß etc.
Die Kontinuität nationalsozialistischer Überzeugungen, Gedächtnisverlust, Lüge und Festhalten an der Rechtmäßigkeit des Unrechts nach 1945 war an der Tagesordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die zweite Republik Österreich hat sich mit dieser Vergangenheit schnell arrangierte. Beispielgebend für die heutige Diskussion steht unter anderem dieses Plakat


Quellenverzeichnis

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