Ihre Spuren sind vergessen, zerstört und verweht

Der große burgenländische Erzähler Richard Berczeller geht in seinen Memoiren „Verweht“ seinen Erinnerungen an das jüdische Leben in Mattersburg nach.(1)

Bei unserem Studientag im 70er-Haus in Mattersburg besuchten wir bei einem Stadtspaziergang mit Georg und Elisabeth Luif das Denkmal zum Andenken an die Jüdische Gemeinde in Mattersburg.

Auf Initiative von Peter Berczeller findet am 20.November 2012 ein Treffen in Mattersburg statt, wo die Idee der Errichtung einer Erinnerungsstätte bzw. Begegnungsstätte in Mattersburg besprochen wird. Nach einem weiteren Treffen am 8.März 2013 in Wien wird am 12.April 2013 der Verein „Wir erinnern“ gegründet. Der Verein soll sich mit den Fragen über Erinnerungspfad, Straßennamen, Gedächtnisstätte und Veranstal- tungen beschäftigen. Das Grundkonzept ist nicht Gedenken, sondern aktives Erinnern an das Judentum in Mattersburg zu fördern.

Im November 2013 wird ein Projektplan für die Errichtung einer Begegnungsstätte und Ausgrabung der Synagoge erarbeitet. Außerdem wird überlegt, die Umbenennung von Straßen nach vertriebenen MattersburgerInnen zu fordern. Diese Pläne werden von Obfrau Gertrude Tometich abgelehnt und verhindert. Dies führt zum Ausscheiden von Peter Berczeller, Georg Luif und Sissi Luif aus dem Verein. (2)

Ein kurzer geschichtlicher Überblick zur Entstehung der jüdischen Gemeinde in Mattersburg

Nach der Ausweisung der jüdischen Menschen aus Wien in den Jahren 1670/71 wurden die „Sheba qehillot“, die sieben heiligen jüdischen Gemeinden in Deutschkreutz, Eisenstadt, Frauenkirchen, Kittsee, Kobersdorf, Lackenbach und Mattersburg gegründet. Sie waren bedeutende jüdische Gemeinden in Europa. (3)

Doch das Aufblühen jüdischer Kultur und die Errichtung der für ein jüdisches Gemeinwesen notwendigen Einrichtungen, mussten durch Steuerleistungen, der so genannten Toleranztaxe, erkauft werden. Der auf dies Weise erkaufte Schutz, schützte die jüdische Gemeinschaft aber nicht immer vor antisemitischen Übergriffen. Das Ausstellen von Schutzbriefen für Juden und Jüdinnen erfolgten auch wegen der ökonomischen Vorteile, welche die Grundherrschaft der Familie Esterházy daraus ziehen konnte. Auf diese Weise wurden für die Region wichtige Wirtschaftszweige gefördert.(4)

Der Mittelpunkt des jüdischen Lebens spielte sich sehr lange in einem Siedlungskern in direkter Nähe des Wulkabaches ab. Aufgrund des ständigen Wachstums der Gemeinde und der fehlenden Erlaubnis eines Landzukaufs kam es oftmals zu prekären Lebensumständen. Die Juden durften ihre Wohnungen und Häuser zwar aufstocken und mit anderen teilen, diese Enge führte jedoch manchmal zu raschen Verbreitung von Seuchen und ansteckenden Krankheiten. Auch die Gefahr eines Brandes war oft gegeben. Aus diesem Grund gründete sie 1890 den Israelitischen Feuerwehrverein, der auch mit den anderen Freiwilligen Feuerwehr in der damaligen Marktgemeinde Mattersdorf und anderen zusammenarbeitete und sich dabei auf Grund ihrer Schlagkraft einen Namen machte. Die Juden waren hauptsächlich im Handel und Gewerbe tätig, da es ihnen nicht erlaubt war, über landwirtschaftlichen Besitz zu verfügen. Der Lebensmittelmarkt des Ortes wurde bis 1859 in der berühmten Judengasse abgehalten. Diese war über einen langen Zeitraum das Geschäftszentrum von Mattersdorf. Aufgrund der ihnen zugesicherten Selbstverwaltung verfügten die Juden über eine eigenständige Tradition, Kultur und Identität. (6)

Die Ereignisse im Jahr 1938

Ein Artikel aus der Kleinen Volkszeitung im Oktober 1938 (5).

Die Zerstörung der Synagoge erfolgte nicht bei den Pogromen im November 1938, sondern sie wurde erst im September 1940 durch eine Sonderkommando der Wehrmacht gesprengt.

Ein Teil der Juden und Jüdinnen flüchtete in andere Länder, aber mehr als 100 von ihnen fanden in der Vernichtungsmaschinerie der Nazidiktatur ihren Tod. Die Bereitschaft der überlebenden Jüdinnen und Juden, nach der Zeit des Nationalsozialismus nach Mattersdorf zurückzukehren, war dementsprechend gering.

Die Gedenk- und Erinnerungskultur in Mattersburg


„Die Gleichgültigkeit ist so furchtbar in ihren Folgen, so mörderisch wie die furchtbarste Gewalt.“


Manès Sperber, aus der Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“

Das alte Jüdische Denkmal stand bis 2018 am Brunnenplatz und wurde am 20.August 2018 zum 70er Haus der Geschichten in der Hintergasse 70 gebracht und dort aufgestellt.

Das Denkmal wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde errichtet. Es wird angenommen, dass dies in den 1970er Jahren geschieht. Darüber existieren keine Unterlagen. Es sind auch keine Belege, Artikel über die Enthüllung des Denkmals zu finden.

Einige Informationen auf dieser Inschrift sind fehlerhaft:
Der Ort der Aufstellung soll den Standort der Synagoge bezeichnen, was nicht stimmt. Die Synagoge stand weiter nördlich. Die Zerstörung der Synagoge erfolgt nicht in der „Reichskristallnacht“ November 1938, sondern erst später.
Der Begriff „Reichskristallnacht“ ist ab den 1970er Jahren umstritten und wird von Historikern als Novemberpogrom bezeichnet.(2)

Die drei Stelen der Gedenkstätte beziehen sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Vergangene ist die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Mattersdorf/Mattersburg, während die Gegenwart die Erinnerung an die Vergangenheit aufrechterhält. Die Zukunft mahnt, dass das Böse triumphieren kann, wenn die Mehrheit schweigt. Der symbolische Torbogen ist eng und niedrig, um beim Durchschreiten ein Gefühl von Beklemmung beim Verlassen des Heims und die beginnende Shoah zu vermitteln.(7)

Am Festakt (Nov. 2017) nahmen neben dem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen auch Isaac Ehrenfeld, Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde Kyriat Mattersdorf/bei Jerusalem, Talya Lador-Fresher, Botschafterin des Staates Israel, Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde und Landeshauptmann Hans Niessl teil.(8)

Herzlichen Dank an Elisabeth Luif für ihre Einführung und erläuternden Worte beim Denkmal.


Quellenverzeichnis