Zwangsarbeit in Wien während der NS-Zeit

Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus versus heimliche Unterstützung

Monument aus der Gedenkstätte Buchenwald


Die Männer und Frauen aus Böhmen, Mähren, Polen, Ungarn und besonders den Balkanländern trafen in Wien auf bereits tief sitzende und lang eingeübte fremdenfeindliche Ressentiments und ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den unterpriviligierten und rechtlosen Fremd- und ZwangsarbeiterInnen.

Stefan August Lütgenau

In seinem Beitrag „Zwangsarbeit im Reichsgau Wien 1938 bis 1945“ erschienen im Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien im Jahr 2003 schildert Lütgenau die täglich geübte Praxis des Rassismus bei der Ausbeutung der AusländerInnen und ZwangsarbeiterInnen in Wien.

Arbeitskräfte als Kriegsbeute

Was ist Zwangsarbeit?
Von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus wird gesprochen, wenn eine Person aus rassistischen, nationalen, ethnischen, religiösen und/oder politischen Gründen arbeiten musste, insbesondere dann, wenn diskriminierende arbeitsrechtliche Sonderbedingungen geschaffen wurden.

„Sowjetische Zwangsarbeiterin bei Steyr – Daimler – Puch AG“

Die NS-Stadtverwaltung war in ihren kommunalen Betrieben enorm vom Einsatz dieser Arbeitskräfte abhängig. In der Landwirtschaft und viele Unternehmungen, vor allem Rüstungsbetriebe hätten sonst ihre Produktion einstellen müssen. Vor allem ab 1943 benötigte man in Wien mehr als 120.000 ArbeiterInnen, die zur Zwangsarbeit rekrutiert wurden. Die größten Gruppen waren 1942 und 1943:

  • Im Jahr 1942 – TschechInnen – 15.189 Personen
  • Im Jahr 1942 – PolInnen – 14.238 Personen
  • Im Jahr 1942 – SlowakInnen – 5.225 Personen
  • Im Jahr 1942 – ItalienerInnen – 4.567 Personen
  • Im Jahr 1943 – FranzösInnen – 21.230 Personen
  • Im Jahr 1944 – SowjetbürgerInnen – 24.994 Personen

Rassistische Skala der „Brauchbarkeit“ der ZwangsarbeiterInnen für die Ausbeutung in der Kriegswirtschaft

Alle Menschen müssen so ernährt, untergebracht und behandelt werden, dass sie bei denkbar sparsamsten Einsatz die größtmögliche Leistung hervorbringen.

Fritz Sauckel – NS-Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz

Der NS-Rassismus war in Wien auf fruchtbaren Boden gefallen und tief in den Alltag und auch in die Wissenschaft eingedrungen. Die jahrelange antitschechische Hetze unter Lueger, die übliche jahrelange Ausbeutung der zugewanderten AN-Innen nach Wien und die Politik der Austrofaschisten öffneten dem „Rassenwahn“ der Nazis Tür und Tor. Die NS-Sozialforschung zeichnete anhand von Befragungen in Unternehmen eine rassistische Skala der „Brauchbarkeit“ der ZwangsarbeiterInnen für die Ausbeutung in der Kriegswirtschaft.

Diese Hierarchisierung der ausländischen Arbeitskräfte nach den rassistischen Grundsätzen des NS-Regimes und nach Geschlecht, übrigens im Widerspruch zur offiziellen Propaganda, schlug auch auf die Löhne der ArbeitnehmerInnen durch. Diese Kategorisierung wurde auch von der NS-Bürokratie der Gemeinde Wien vollzogen.

  • 10 % Abzug des Grundlohns bei „reichsdeutschen AN-Innen“
  • 30 – 50 % bei den „WestarbeiterInnen“
  • 60 % bei den „OstarbeiterInnen“- zusätzlich konnten die Vorgesetzten durch Arbeitsbeurteilung die Löhne der OstarbeiterInnen reduzieren. Zuschläge für Mehrarbeit, Sonntagsarbeit wurden nicht bezahlt.

Das Netzwerk Wien – erinnern.at hat mit Martin Krist Arbeitsmaterialien zur Zwangsarbeit in Wien erarbeitet. Ein Blick auf die Opfer:

József Bihari:
Als ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter in Wien. Der 60-jährige Handelsvertreter József Bihari aus Szolnok in Ungarn ist einer jener jüdischen Zwangsarbeiter, der trotz seines hohen Alters gegen Kriegsende nach Wien verschleppt wird.

Antonie Lehr:
Als freiwillige Zivilarbeiterin nach Wien. Antonie Lehr ist eine überzeugte österreichische Kommunistin, die sich in ihrem Exilland Frankreich aus dem Untergrund freiwillig als ausländische Zivilarbeiterin meldet. Sie soll für ihre Partei Informationen über Widerstandsaktivitäten in Wien sammeln.

Wander Bertoni:
Vom Zwangsarbeiter zum Bildhauer. Wander Bertoni wird 1925 in Codisotto in der Provinz Reggio Emilia geboren und kommt 1943 als Zwangsarbeiter nach Wien.

Hunger als Disziplinierung

Es fehlte an Wohnraum, Kleidung und Verpflegung für die ArbeiterInnen. Die ausländischen Männer und Frauen waren bereits 1942 derart ausgehungert, dass sie ihre kümmerliche Tagesration gleich nach der Austeilung verzehrten. Erst der Entzug des Abendessen im Lager und damit der einzigen warmen Hauptmahlzeit bei Nichterscheinen am vorgesehenen Arbeitsort konnte die ZwangsarbeiterInnen disziplinieren.
Die inländischen ArbeitnehmerInnen ließen ihre Jausenbrote und Nahrungsmittel heimlich auf den Arbeitsplätzen zurück, um den Hunger ihrer KollegInnen etwas zu mildern.


Quellenverzeichnis

  • Wiener Geschichte – Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 2003, ISSN 1027-8788, Artikel von Stefan August Lütgenau – Zwangsarbeit im Reichsgau Wien 1938 – 1945, Seite 167 – 186
  • Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, Begleitband zur Ausstellung im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1913-4 – die SW-Fotos stammen aus diesem Buch.
  • erinnern.at ist das Institut für Holocaust Education des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). erinnern.at fördert den Transfer von historischem und methodisch-didaktischem Wissen sowie die Reflexion seiner Bedeutung für die Gegenwart.
  • „Wien Geschichte Wiki“ ist eine historische Wissensplattform der Stadt Wien. Hier habe ich die Definition für Zwangsarbeit entnommen.

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