1848 – Erster Wiener allgemeine Arbeiterverein gegründet

Wir müssen uns aufraffen, dahin zu gelangen, wo andere durch Mittel und Erziehung von selbst ankamen.

Friedrich Sander, Obmann des Wiener allgemeinen Arbeiterverein 1848

Als am 13. März 1848 das Bürgertum in Wien eine demokratische Verfassung forderte, erhoben sich auch die Proleatierer in den Vororten. Das Militär erstickte den Aufstand der Arbeiter in Blut. 50 tote Arbeiter (siehe Denkmal am Zentralfriedhof) und 500 Personen, die zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt wurden.
Friedrich Sander gründete 1848 den Ersten Wiener allgemeinen Arbeiterverein, der sich später zur Keimzelle der österreichischen ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung entwickelte. (2)

Gernot Trausmuth schreibt mit roter Feder
Bienenstock und Katzenmusik – die Revolution von 1948

Während in Westeuropa der Kapitalismus boomte, das Eisenbahnnetz rapide ausgebaut wurde und Fabriken wie die Pilze aus dem Boden schossen, herrschte in Österreich relativer wirtschaftlicher Stillstand. Und das geistige Leben konnte sich nur zaghaft entwickeln. Der katholische Klerus und die staatliche Zensur erstickten alles, was an der vermeintlich göttlichen Ordnung im Habsburgerreich rütteln könnte. Angesichts dieser Rückständigkeit griffen Marx und Engels die bei Intellektuellen damals sehr beliebte Metapher von Österreich als einem „deutschen China“ auf, in dem ein „väterlicher Despotismus“ herrscht. Der größte Feind dieser österreichischen Barbarei sei die „moderne Zivilisation“, so Engels. Spät aber doch setzte auch in Österreich eine Entwicklung der Produktivkräfte ein, die zusehends in Widerspruch zu den alten feudalen Produktionsverhältnissen geriet. Das war die Basis, dass sich selbst in der stickigen Atmosphäre des von Metternich regierten Wien dann zaghaft die frische Luft der demokratischen Bewegung ihren Weg bahnte. (3)

Gernot Trausmuth in seinem Blog

Friedrich Sander als Buchbindergeselle gründete den Arbeiterverein für das Proletariat. Er schrieb, dazu gehören alle (1),

die ohne feste Stellung im Leben ohne eigenes Geschäft undo hne Besitz sind, die kein gesichertes fremdes Einkommen haben, deren Existenz von dem bloßem Erwerb ihrer Arbeit abhängt, den sie jedoch noch mit einem Arbeitgeber teilen müssen. Proletarier ist der Handarbeiter und Taglöhner, der Gesell, der Gehilfe und das Subjekt, der Fabrikarbeiter und alle die, welche bei der Industrie als Lohnarbeiter ihr Brot finden.

Arbeiterausschuss aller Gewerbe (4)

Der Wiener Arbeiterverein hat sich zur Aufgabe gestellt, eine Versammlung ins Leben zu rufen, bestehend aus Arbeitern aller Gewerbe, wozu jede Innung oder jedes Gewerbe drei aus ihrer Mitte gewählte Deputirte zu senden hat.
In dieser Versammlung sollen hauptsächlich die Innungsverhältnisse, so wie alle Gegenstände zur Beratung kommen, welche sowohl in gewerblicher wie in staatsbürgerlicher Beziehung jedem von Wichtigkeit sind, als:

  1. Gleichstellung der politischen Rechte des Arbeiters mit denen anderer Stände.
  2. Einsetzung von Arbeitsministerien, wozu auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören.
  3. Freies Niederlassungsrecht.
  4. Freie Gewerbeordnung.
  5. Feststellung der Arbeitszeit.
  6. Bildungsanstalten.
  7. Errichtung von Kranken- und Invalidenkassen.
  8. Einführung von Schiedsgerichten.
  9. Aufhebung des Paßzwanges.
  10. Unbeschränkte Heiratserlaubnis usw.

Die Beschlüsse dieser Versammlung sind zur Ueberrreichung an den hohen Reichstag bestimmt, um die Bedürfnisse und Wünsche der Gewerbearbeiter vor denselben zu bringen.
Nur durch ein allgemeines Zusammenwirken kann ein tüchtiges Ganzes geschaffen werden, und wir fordern daher alle Arbeiter auf, die Wahlen so viel wie thunlich zu beschleunigen, um nicht

ein großartiges Werk durch Versplitterung der Zeit um seine Wirkung zu bringen. Die Wahlen sind anzuzeigen Mittwoch und Samstag Abends im Josefstädter Theatergebäude.
Wien, am 4. September 1848
Der Vorstand des Wiener allgemeinen Arbeitervereins
Fr. Sander, Vorsitzender

Im Verein gab es um die 2000 Mitglieder, hauptsächlich Handwerksgesellen. Hier trat auch Karl Marx am 30. August und 2. September 1848 als Redner auf.


Quellenverzeichnis

  • (1) Stadtgemeindlicher Republikanismus und die Macht des Volkes, Ralf Pröve, Göttingen 2000, Vandenhoeck & Ruprecht, Seite 52, ISBN 3-525-35475-4
  • (2) Peter Autengruber – Geschichte der österr. Gewerkschaftsbewegung bis 1945, Seite 18, September 2014, aus der Schriftenreihe des VÖGB zur Gewerkschaftskunde
  • (3) Gernot Trausmuth – Blogartikel – Bienenstock und Katzenmusik – die Revolution von 1848
  • (4) Wiener Gassenzeitung vom 22. September 1848

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