GUMPENDORFER ARBEITERBILDUNGSVEREIN
Mit dem Erlaß vom 18. November 1867, Z. 5107, wurden dann die Statuten des Vereins genehmigt.
Als Proponenten waren gefertigt: Josef Mühlhauser, Metalldrucker, Wilhelm Fehlinger, Tischler und Johann Georg Feuerstein, Fabrikarbeiter.
Zur Konstituierung wurde in den Saal des Hotels „Zum blauen Bock“ für 8. Dezember eingeladen. Da der Saal nur 1000 Personen fasste und viele tausende noch in Saal wollten wurde die Versammlung auf den 15. Dezember verschoben. Die Eröffnungsansprache von Mühlhauser am 8. Dezember12:

Am 15. Dezember führte Hermann Hartung aus:

Der Vereinszweck
Der Verein bezweckte, „wie schon sein Name besagt, die geistige Ausbildung seiner Mitglieder. Er sucht diesen Zweck zu erreichen, indem er Fürsorge trägt, dass
a) denjenigen seiner Mitglieder, welche ein Bedürfnis danach empfinden, Unterricht in den Realfächern und Sprachen erteilt wird;
b) wissenschaftliche Vorträge in leichtfasslicher Weise von kompetenten Männern gehalten werden;
c) eine Bibliothek nützlicher Schriften angelegt wird und
d) einige gute Tagesblätter, weil darin der Arbeiter öfters Aufschlüsse und Nachweise über den Arbeitsmarkt und sonstige Gewerbefragen erhält, im Vereinslokal offen liegen.
Ferner
- Freie Besprechung der Tagesfragen, welche in Beziehung zur Arbeiterwelt stehen und eine soziale Tragweite haben. Die Politik als solche, namentlich die sogenannte »hohe Politik«, ist jedoch ausgeschlossen, wie überhaupt die Besprechungen rein gesellschaftlicher Natur und der Charakter des Vereines ein wesentlich sozialer sein muss.
- Anstreben auf Verbesserung der materiellen Lage der arbeitenden Klasse sowie Ermöglichung der Herstellung von Produktivassoziationen nach dem Prinzip Lassalles.
- Beschäftigung mit der Aufklärung seiner Mitglieder über die ökonomischen Gesetze, welche sich auf die Erzeugung, Erhaltung und Konsumtion der Güter beziehen.
- Aufnahme von Mitgliedern ohne Unterschied der Nation und Religion, wenn deren Lebenswandel seinem Ruf nicht nachteilig ist.
- Einführung einer Kranken- und Invalidenkasse zur Erleichterung der Not unglücklicher Vereinsmitglieder.
- Bestreben mit allen gesetzlich zu Gebote stehenden Mitteln zur Erlangung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes mit Diätenbezug.
- Bedient sich der Verein des gesetzlichen Versammlungsrechtes und sucht die Arbeiter Wiens und Umgebung an sich zu ziehen, über seine Bestrebungen aufzuklären und seine Prinzipien in loyaler Weise zu verbreiten.
- Nimmt derselbe Männer, die nach der gewöhnlichen Auffassungsweise nicht zu der arbeitenden Klasse gehören, als unterstützende Mitglieder und solche, die sich um den Verein Verdienste erwerben, als Ehrenmitglieder auf“.

Foto: Arbeiterversam. 196813
Außerdem erklärt es der Verein als seine Aufgabe, die „staatlichen wie gesellschaftlichen Interessen“ zu fördern, „gleichzeitig aber auch zum Wohle des Arbeiterstandes“ beizutragen, und er ist stolz auf die Aussicht, dass es auf
diesem Wege gelingen werde, „den Wettkampf mit der Industrie des Auslandes in Ehren zu bestehen“!14


Höchster Mitgliederstand im Juni 1868 mit 5500 Mitglieder.
Bei der dritten Versammlung der Arbeiter am 17. Februar 1868 wurde folgende Resolution gefasst: „Die Nothwendigkeit eines Arbeiterorgans in Wien wird anerkannt, die Gründung desselben jedoch der freien Concurrenz überlassen!“16
Zusammenschluss mit dem slavischen Arbeiterverein.
Der Wiener ABV hatte auch eine Liedertafel.
Ansuchen des Wiener ABV um Ausdehnung seiner Wirksamkeit
Der Verein wollte, wie dies auch andere bürgerliche Vereine taten, seine Tätigkeit über ganz Österreich ausdehnen. Bei den Beratungen im Ministerrat am 5. September 1868 versagte man der proletarischen Vereinigung dieses Ansinnen.
Der Justiz- und Finanzminister waren der Ansicht, dass die „Ausdehnung auf das ganze Gebiet der Monarchie“, nur solchen Vereinen gestattet ist, die keine politischen Vereine seien. Sie würden dem nur zustimmen, wenn die Statuten des ABV eine Garantie für die Ausschließung jeder einen politischen Charakter tragenden Wirksamkeit des Vereins gegeben wird17.
Das Ministerium für Landesverteidigung und öffentliche Sicherheit machte vor allem gegen ABV, die den Prinzipien Lassalles huldigen, mobil. Die ABV seien Herde der sozialdemokratischen Agitation und es ging dem Ministerium darum, die bekannten Rädelsführer wegen Verhetzung der Arbeiter in Volks- und Vereinsversammlungen sowie in Arbeiterzeitungen strafgerichtlich zu verfolgen18.
Der ABV veranstaltet am Samstag den 30. Jänner 1869 in den Blumensälen der k.k. Gartenbaugesellschaft einen großen Arbeiterball19.
Im April 1869 fand das Gründungsfest in den Sälen des Schwender´schen Kolosseum statt. 5000 Personen haben sich zu diesem Gründungsfest und den Geburtstag des Arbeiteragitators Ferdinand Lassalle eingefunden.20

Eine interministerielle Konferenz zur „Arbeiterfrage“ am 30. November 186921
Die Anregung dazu kam vom Ministerium für Landesverteidigung und öffentliche Sicherheit, dass sich um die Arbeiterbewegung mehr als nötig kümmern muss. Man sei bei der Statutengenehmigung der Arbeitervereine zu liberal vorgegangen. Das Innenministerium fordert:
- Jeder Gegenstand politischer Natur sei von den Verhandlungen der Arbeitervereine streng auszuschließen.
- Jede Verbindung eines solchen Vereins mit einem politischen Verein des In- und Auslandes (insbesondere aber mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (Lassalleanhänger Anm. von mir)), wodurch auch der erstere seine Tätigkeit auf das politische Gebiet ausdehnt, sei zu untersagen.
- Jede Beteiligung eines Vereins (als solcher) bei der Veranstaltung oder Abhaltung einer Volksversammlung, auf welcher auch politische Fragen verhandelt werden, sei auszuschließen.
- Im Falle des Zuwiderhandelns sei mit der Auflösung des Vereins mit der Strenge des Gesetzes vorzugehen,
- Es sei auf eine strengere Anwendung des §6 des Gesetzes über das Versammlungsrecht, namentlich in Fabrikorten mit einer bereits aufgeregten Bevölkerung, zu bestehen.
Die Anwesenden fordern eine strengere Handhabung gegenüber der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, wegen ihrer internationalen Verbindungen. Sie erörtern auch die bedenkliche Tätigkeit des Wiener ABV wegen der hervorragenden Beteiligung einzelner Vereinsmitglieder an politischen Volksversammlungen. Sie sind auch der Ansicht, dass bei Versammlungen in den Lesezimmern des Vereins, wo debattiert wird, Behördenvertreter anwesend sein müssen. Es folgt eine Debatte über das Eisenacher Arbeiterprogramm.
Der ABV veranstaltete am 13. Dezember 1869 eine Demonstartion zur Durchsetzung des Koalitionsrecht.

1870 Arbeiter Bildungsverein, VI. Magdalenenstr. 104, Vorstand Hartung Hermann, Vorstand-Stellvertreter Blazincic Josef22.
Am 30. Juli 1870, zwei Wochen nach dem Hochverratsprozess, behördliche Auflösung des Wiener Arbeiterbildungsverein23.
Als die Vereine aufgelöst worden waren, hatten wohl alle den Rekurs ergriffen, aber es war zweifelhaft, ob ihm Folge gegeben werden würde, zumindest musste man sich auf ein langes Warten einrichten. Deshalb hatte man sich zu einer Neugründung der Vereine entschlossen. Dieser wurden aber, wie wir gesehen haben, von der Regierung alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Tatsächlich hatte die Arbeiterschaft denn auch geraume Zeit zu tun, um ihre Organisationen wieder auf den Stand, wie er vor den Auflösungen gewesen war, zu bringen24.