Kriegserklärung an die Kranken

Der zweite Teil unseres Studientages

Lern- und Gedenkort Hartheim

Nach dem Mittagessen, das Christian und Brigitte mit dem Wirt und der Gruppe bestens organisierten, machten wir uns mit dem Bus auf den Weg zum Lern- und Gedenkort in Hartheim. Gabriele Kainberger erklärte uns den Zweck der heutigen Einrichtungen hier. Am Eingang bereits zwei Gedenktafeln, die widersprüchlicher nicht sein konnten.

Das Schloss Hartheim wurde um 1600 in Alkoven erbaut. Die Inschrift ist für uns heute äußerst irritierend. Selbst in der Landtagssitzung 1898 wurde eine jährliche Förderung von 300 Gulden für die „Idiotenanstalt“ beschlossen (1).


(2) Österreichische Nationalbibliothek, Digitales Archiv, Linzer Volksblatt, 8. Jänner 1899, Seite 4

Was sagt uns diese Gedenktafel, die in den 60er Jahren des 20. Jhdts. errichtet wurde. Erstens wird hier von fanatischen Nationalsozialisten geschrieben. Hat es andere ev. sogar „bessere“ Nazis gegeben?
Dann die Bemerkung bei der Aufzählung der Menschen, die hier vernichtet weshalb wird der Begriff „ermordet“ nicht verwendet? Die Ergänzung – darunter auch „gesunde“ Kinder – wären kranke Kinder nicht so schrecklich gewesen?

Zum Einstieg diskutierten wir unsere Erfahrungen, Gedanken und Eindrücke von der Ida Maly Ausstellung. Wir fragten uns – was hat man den Leuten gesagt, als man sie nach Hartheim brachte? Wie wurde die „Auswahl“ getroffen? Bedrückende Fragen in unseren Köpfen.
Wie werden Menschen zu Feindbildern? Wie transportieren sich Feinbilder weiter? Wie gehen wir damit um, dass sich Einzelne über die Abgrenzung zu Anderen sich selbst definieren?

Im Namen des Rassenwahns eine Kriegserklärung an die Kranken (3)

Im Schloss Hartheim wurden von Mai 1940 bis Dezember 1944 mindestens 30.000 Menschen ermordet. Sie wurden mit Kohlenmonoxid vergast, im Krematorium verbrannt, ihre Körper und ihr Zahngold wurden verwertet.

Hartheim war nicht nur Tatort von NS-Verbrechen. Hartheim war die „Mörderschule“ des Dritten Reichs. Die Täter, die in den Gaskammern und Krematorien des Mordschlosses verroht und abgebrüht wurden, kamen ab 1942 in den Vernichtungslagern im Osten zum Einsatz.

Mit der Aktion T4 in Schloss Hartheim beginnt die industrielle Massenvernichtung des Dritten Reichs. Die Ausgrenzungspolitik der Nazis teilt die Gesellschaft in zwei Lager in „lebenswertes“ und „lebensunwertes Leben“. In „erbgesund “ und „erbkrank“ in „Herrenmensch“ und „Untermensch“. Diese Art der Ausgrenzung von bestimmten Bevölkerungsgruppen machen sich rechte Organisationen bis heute zu nutze.

Die rassistisch motivierte Endlösung der Psychiatrie ist eine Parteiangelegenheit der NSDAP und wird durch die Kanzlei des Führers von Reichsleiter Philipp Bouhler geleitet. Monatelang wird akribisch der industrielle Massenmord geplant. Viele miteingeweihte Mediziner machen selbstständig Vorschläge für die Tötungsart.

Massenmord als Akkordarbeit

Bei Anstalten in OÖ werden die Kranken mit Bussen abgeholt. Im evangelischen Diakoniewerk in Gallneukirchen kommen die SS-Männer zueinem Zeitpunkt, als niemand von der Leitung anwesend ist. Von weiter entfernten Anstalten werden sie mit der Bahn zum Linzer Bahnhof transportiert.
Wenn die Busse ankommen erwartet sie das übrige Anstaltpersonal. SS-Leute sorgen für Ordnung, die Heizer halten sich als Handlanger bereit.
Die Kranken werden in den Auskleideraum geführt, wo sie sich nackt auskleiden müssen. Die Kleidungsstücke und die Habseligkeiten der Opfer geht an die Nationalsozialistische Wohlfahrt.
Die entkleideten Personen kamen in einen sogenannten Aufnahmeraum. Ärzte und Pflegepersonal bestempelten die Personen mit fortlaufenden Nummern. Jene Personen, welche Goldzähne hatten, wurden auf dem Rücken mit einem Kreuz gekennzeichnet.
Der Fotograf Bruno Bruckner fertigt von jedem Todeskandidaten drei Fotos an. Ein Bild zeigt Gesicht und Brust von vorne, zwei Fotos zeigen den Kopf im Profil.
Dann werden die Patienten durch den Aufbahmeraum in die Gaskammer gedrängt. In manchen Fällen werden unruhige Patienten mit Morphium-Spritzen betäubt. Sie werden mit Kohlenmonoxid vergiftet. Nach spätestens 10 min endet der Todeskampf. Die Körper der Opfer verkrampfen sich nach dem letzten Aufbäumen im Todeskampf. Das Gasraum ist voll von Exkrementen und Erbrochenen.
Die Gaskammer wird eineinhalb Stunden entlüftet und dann beginnt die Tätigkeit der Heizer. Sie bringen die Toten in den Totenraum. Von dort werden sie schließlich zum Verbrennungsofen gebracht. Bevor die Toten verbrannt wurden sind von den Heizern die goldzähne gezogen worden.
Nachdem die Leichen verbrannt waren, wurden die Knochenreste in einer Knochenmühle zu Pulver vermahlen. Soviel Asche wie möglich wird in Urnen verschickt.

Wenn es dann den Rauch zu Boden gedrückt hat, witterungsbedingt, und wir sind von der Feldarbeit hungrig nach Hause gekommen, dann haben wir keinen Bissen mehr heruntergebracht durch diesen infernalischen Gestank, der sich in Mund- und Rachenhöhle festgesetzt hat. Uns ist der Appetit vergangen. Der Gestank war eindeutig verbranntes Fleisch, verbrannte Knochen und Haare.

Karl Schuhmann in einem Interview am 28.4.1999
Der „letzte Raum“ der ermordeten Menschen

Hartheim und der Holocaust

Am 11. August 1941 findet er erste Transport von 70 jüdischen Häftlingen vom KZ-Mauthausen in das Lager Sanatorium Dachau (einer der Decknamen für Hartheim) statt. Mindestens 1.600 wahrscheinlich aber knapp 2.000 Häftlinge werden nach der Selektion durch Lonauer und Renno in den Jahren 1941 bis 1942 von Mauthausen nach Hartheim zur Ermordung gebracht. 1942 werden 3075 Häftlinge von Dachau nach Hartheim gebracht.

Die großen Transporte nach Hartheim aus dem Buch –
Das Mordschloss – Auf der Spur von NS-Verbrechen in Schloss Hartheim, Tom Matzek, Kremayr & Scheriau, ISBN 3-218-00710-0, Seite 312
Gedenktafel in Hartheim

Die Ausstellung „Wert des Lebens“

Der Fokus der Ausstellung „Wert des Lebens. Der Umgang mit den Unbrauchbaren“ liegt auf der Lebenssituation behinderter bzw. psychisch kranker Menschen in der Zeitspanne von der Zeit der Aufklärung bis zur Gegenwart. Der thematische „rote Faden“ ist der Umgang der Gesellschaft mit diesen Menschen, die als „unbrauchbar“ definiert wurden und werden. Damit eng verknüpft sind Fragen, wie und von wem diese Definition erfolgt, welche Vorstellungen und Diskurse von Normierung und Optimierung herrschen, wie versucht wurde, diese gesellschaftlich und staatlich umzusetzen und wie sich demgegenüber Zugänge, die an Menschenrechten, Demokratie und Inklusion orientiert sind, gestalten könnten. (4)

Wie und von wem wird „(Un-)Brauchbarkeit“ definiert? Die Industrialisierung des 19. Jhdts. definierte für ihre Arbeitsprozesse diese Brauchbarkeit neu. Schulen, Berufsausbildung für diese Brauchbarkeit optimiert (Human Ressources), um den ökonomischen Aspekten zu entsprechen. Gleichzeitig wurden gesellschaftliche Regeln und Einrichtungen geschaffen wohin die „Unbrauchbaren“ abgeschoben wurden.(5)

Die Bewohner*innen eines Armenhauses hatten meist nur eine Armentruhe, wo ihre Habseligkeiten verwahrt wurden.

Den Menschen wegen seiner Herkunft, seiner politischen Überzeugung oder wegen seiner körperlichen Konstitution zu verachten, auszugrenzen und zu vernichten – dagegen soll Schloss Hartheim immer ein warnendes Beispiel sein.

Landeshauptmann-Stellvertreter Dipl. Ing. Erich Haider

Quellenverzeichnis

  • (1) Österreichische Nationalbibliothek, Digitales Archiv, Linzer Volksblatt, 9. Februar 1898, Seite 4
  • (2) Österreichische Nationalbibliothek, Digitales Archiv, Linzer Volksblatt, 8. Jänner 1899, Seite 4
  • (3) Das Mordschloss – Auf der Spur von NS-Verbrechen in Schloss Hartheim, Tom Matzek, Kremayr & Scheriau, ISBN 3-218-00710-0
  • (4) Homepage Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
  • (5) Tips Eferding – Schloss Hartheim: Ausstellung „Wert des Lebens“ wird neu gestaltet – Nora Heindl, 3.9.20219
  • Fotos: Christian Aigner, Gabriele Kainberger, Brigitte und Werner Drizhal,