Denkmal KZ Steyr in Münichholz

Eine Gedenkstätte ohne eigentlich Platz zum Gedenken wäre da nicht eine Initiative einer Schule. Wir versuchen vom Campingplatz eine möglichst verkehrsschinende Variante zur Anfahrt zu finden. Das Denkmal befindet sich am Rande des Industriegebietes an der Kreuzung der stark befahrenen Haager Strasse mit der Beethovengasse und der Zirerstrasse. Wir finden gerade etwas Platz, um unsere beiden Fahrräder neben dem Denkmal abzustellen.

Zwischen dem Konzentrationslager Mauthausen und Steyr bestanden bereits in den Jahren 1938 bis 1940 enge Verbindungen: Bis zur Errichtung eines eigenen Krematoriums in Mauthausen wurden die dort ermordeten Häftlinge im städtischen Krematorium Steyr verbrannt. Das Außenlager Steyr‐Münichholz wurde am 14. März 1942 gegründet und war eines der ersten Außenlager für die deutsche Rüstungsindustrie. (1)

Weshalb steht der Gedenkstein hier?

Jana Müller schreibt in einem Bericht über die Gedenkfeier der Zeitwerkstatt 1998: (5)

Unter den französischen Gästen waren vier ehemalige Häftlinge, die das KZ-Steyr-Münichholz überlebt hatten. Jean Guerbette, mit 88 Jahren der älteste von ihnen, sprach beim Mahnmal in der Haager Straße im Stadtteil Münichholz. Er zeichnete ein realistisches Bild des Lagerlebens. Er sprach über die vielen Nationen, die Häftlingsgruppen mit ihren verschiedenen Winkeln, die hier zusammengepfercht waren und sich durch das Lagersystem fremd bleiben mußten; über die Ausbeutung durch Arbeit, von den grausamen Strafen und Mißhandlungen am nahen Appellplatz. Der schlichte Stein – der auf Wunsch der Franzosen an genau dieser Stelle am Rande der Straße im Grünen errichtet worden war – macht den Vorbeigehenden aufmerksam, zwingt sich zu erinnern, so Jean Guerbette, nachdem alle anderen Spuren längst verschwunden sind.

Wer waren die Opfer?

Die Häftlinge kamen zum Großteil aus Spanien, Frankreich, Polen, Italien, Griechenland, Russland und Tschechien, aber auch aus anderen Ländern. Die Anzahl der Inhaftierten bewegte sich zwischen 1.000 und 2.000 Personen. Im April 1945 wurde mit 3.090 der höchste Häftlingsstand erreicht, da mehrere Evakuierungsmärsche aus dem KZ Wiener Neustadt über Steyr geführt wurden. (1)

Die Häftlinge wurden in der Produktion von Maschinengewehren, Flugzeugmotoren, Lastkraftwagen und Kugellagern eingesetzt. Sie bauten auch Hallen und Straßen im Werksgelände und Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung der Stadt Steyr. (7)

Steyr war ein mittelgroßes KZ, das 3-4 Kilometer außerhalb von Steyr gelegen war. Auf dem Gelände des KZ Steyr befanden sich 30-40 einstöckige Holzbaracken, die nicht wintertauglich waren. Die Gefangenen schliefen auf zweigeschossigen Holzpritschen mit Matratzen, welche mit Holzspänen gefüllt waren. Man deckte sich mit verschlissenen Bettdecken zu. Das Lager war mit Stacheldraht in zwei Reihen eingezäunt, und zwischen diesen Reihen befanden sich Windungen mit Stacheldraht. An jeder Ecke des Lagergeländes gab es Wachtürme mit Scheinwerfern für die Wachposten, die mit Maschinengewehren ausgerüstet waren. Hinter dem Lagergelände befanden sich die Baracken für die Lagerwache. Dort waren auch die Lagerbestände für Lebensmittel und Munition untergebracht. Zum Lager führte eine Zugverbindung, die Eisenbahntrasse führte weiter nach Steyr.

Der ukrainische KZ-Häftling Berimez Wladimir Maximowitsch (3)

In den Aufzeichnungen des Münichholzer Pfarrers, Pater Meindl ist nachzulesen: Besonders in den letzten Kriegsjahren wurden viele hunderte ZwangsarbeiterInnen aus dem Osten zunächst in Lager 81 dann im Lager 80 untergebracht. Es waren durchwegs Frauen im Alter zwischen 16 bis 26 Jahre. Die Frauen wurden zur Zwangsprostitution gezwungen. Es wurde eine eigene Abteilung für schwangere Frauen eingerichtet. Oftmals wurde im Spital die Schwangerschaft unterbrochen, meist gegen heftigen Kampf der Mutter. Die Kinder wurden den Müttern weggenommen. (8)

Tod durch Zwangsarbeit

Viele Häftlinge kamen durch mangelhafte Ernährung, Arbeitseinsätze bei jedem Wetter, das enorme Arbeitstempo, unpassende Kleidung und die kaum vorhandene medizinische Betreuung ums Leben. Die kranken Häftlinge wurden normalerweise in das Hauptlager zurückgeschickt und dort umgebracht.(2)

„Bei den ersten Transporten, die von den Stammlagern kamen, wurden viele Spanier durch intravenöse Injektion oder direkt in das Herz getötet, indem man Benzin als tödliche Flüssigkeit verwendete. Im Nebenlager Steyr, injizierte der SS-Krankenpfleger sieben Mal die tödliche Nadel direkt in das Herz seines Opfers, eines ehemaligen Mitgliedes der internationalen Brigaden.“

Der spanische Häftling José Borras schildert die Behandlung von Kranken (3)

Im Krematorium Steyr wurden in der Zeit zwischen 1938 – 1945 insgesamt 4.595 Leichen eingeäschert, für deren Verbrennung ein direkter Auftrag der Kommandantur des Konzentrationslagers Mauthausen vorlag.
Allein zwischen 14. Februar 1942 bis 31. dezember 1942 starben 8.800 Menschen (an 23 Tagen allein 917 Verstorbene). Eine Typhusepedemie im Sommer 1943 forderte weitere zahlreiche Todesopfer.(8)

Das letzte noch erhaltene Gebäude, die Lagerkantine, wurde 1993 abgerissen, bevor dort eine Dokumentationsstätte über das Lager errichtet werden konnte. 2019 wurden letzte Reste, die sich auf Privatgrund befanden, trotz Widerstand des Mauthausen Komitees entfernt, sodass an diesem Platz nichts mehr an das Lager erinnert.(2)

Foto im Standard, 13. August 2019 – Apa und Mauthausen Komitee Steyr

„Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien und Gruppierungen in ganz Europa einen enormen Zulauf haben, wäre die Erhaltung dieses letzten Restes von großer geschichtlicher und politischer Bedeutung gewesen“

erklärte der Mauthausen-Komitee-Steyr-Vorsitzende Karl Ramsmaier im Standard – August 2019 (4)

Wer waren die Täter?

Insgesamt waren 146 SS-Leute als Bewacher im KZ Steyr-Münichholz eingesetzt, hauptsächlich Rumänen, Kroaten, Ungarn, aber auch andere, darunter auch Steyrer.
Lagerkommandant war Otto Heess, ein Deutscher aus Pforzheim. Besonders brutal gebärdete sich der SS-Scharführer und Sanitätsdienstgrad Gottlieb Muzikant. Er wurde wegen 20igfachen Mordes zu einundzwanzigmal lebenslang verurteilt, aber er war nicht der einzige Sadist in diesem Lager. Die Volksgerichtsverfahren zeigen eine Menge Beispiele.

,,Im August des Jahres 1944 wurde ich vom KZ Plasow nach Mauthausen überstellt. Dort blieb ich zehn Tage, dann kam ich in das KZ Steyr. Dort habe ich Hufnagel Alfred kennen gelernt, welcher während meines ganzen Aufenthaltes die Funktion eines Küchenchefs hatte. Ich war oft selbst Augenzeuge, wie die Häftlinge durch Obengenannten misshandelt wurden. Er schlug die Häftlinge ohne jeden Grund auf die verschiedenste Art und Weise. Er hatte die Gewohnheit, beim Lagertor die von der Arbeit zurückkehrenden Häftlinge zu erwarten, wobei er sie dann misshandelte und schlug. Besonders gegen die jüdischen Häftlinge war er brutal. Er schlug sie und misshandelte sie oft bis zur Bewusstlosigkeit, nur um seine sadistischen Instinkte zu befriedigen.“

In der eidesstattlichen Erklärung von Jakob Rosenmann, abgegeben im Flüchtlingslager Linz- Ebelsberg, ist von der Behandlung jüdischer Häftlinge im KZ Steyr-Münichholz die Rede. (3)

Gedenken als pädagogische Chance?

Ein Denkmal und eine Sichtbarmachung der Geschichte des KZ Steyr-Münichholz und seiner Opfer am historischen Ort wäre eine pädagogische Bereicherung. Würde dies doch SchülerInnen vermitteln, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht weit entfernt stattfanden, sondern in unmittelbarer Nähe ihrer Wohn- und Schulumgebung. Die Herstellung von regionalen Bezügen zur „großen Geschichte“ des Nationalsozialismus und des Holocaust bietet zahlreiche Chancen in der Vermittlungsarbeit. SchülerInnen können dadurch leichter Verknüpfungen zu ihrer Lebenswelt herstellen. (6)

Die NMS Münichholz hat hier mit den SchülerInnen ein audiovisuelles Tagebuch angebracht.


Quellenverzeichnis

  • (1) Mauthausen Komitee Österreich – Mauthausen Guides
  • (2) Wikipedia – KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz
  • (3) Mauthausen Komitee Steyr – DIE GESCHICHTE DES KZ-NEBENLAGERS STEYR IM ÜBERBLICK
  • (4) Statt Denkmal: Spuren des KZ-Nebenlagers Steyr-Münichholz restlos beseitigt – derstandard – 13. August 2019
  • (5) Zeitschrift des Zeitgeschichte Museum Ebensee – KZ-Steyr-Münichholz – Gedenkfeier in der neuen Zeitwerkstatt
  • (6) Erinnern.at – Letzte Überreste des KZ Steyr-Münichholz entfernt – verpasste Chance für lokales Erinnern?
  • (7) science.orf. at – Überreste des KZ-Nebenlagers Steyr vernichtet – August 2019
  • (8) Münichholz – ein Stadtteil im Wandel der Zeit, Dr. Helmut Retzl, Heft 37, Juni 1986, veröffentlicht durch das Kulturamt der Stadt Steyr, Seite 68 – Anm.: Ich verwende den Ausdruck Zwangsarbeiter im Buch wird von Fremdarbeiter bzw. Ostarbeiter geschrieben.

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