Rosa Jochmann

Rosa, wenn du dein Leben noch einmal beginnen könntest, würdest du es anders leben?
Oft denke ich mir, dass ich viel mehr hätte lernen sollen. Mein Verhalten könnte ich aber nicht ändern. Dem Sozialismus dienen aber würde ich auf jeden Fall und dies aus einem einfachen Grund:

ICH LIEBE DIE MENSCHEN

Rosa und ihre Geschwister wuchsen zweisprachig auf, mit Deutsch und Tschechisch. Der Vater war Eisengießer und Sozialdemokrat, wegen seines Engagements oft arbeitslos. Zwar hing in der kleinen Wohnung ein Bild von Karl Marx (der so aussah, wie Rosa sich Gott vorstellte), doch wußte der Vater wohl nicht so genau, was dieser Mann forderte. Die Mutter arbeitete als Wäscherin und als Bedienerin und brachte täglich gerade den Gegenwert von zwei Laib Brot heim. Für die Familie bedeutete dies oft, hungrig zu Bett zu gehen. Die Eltern bekamen sechs Kinder, von denen jedoch zwei relativ jung starben. Man wohnte mit zwei Bettgehern auf Zimmer und Küche.

Schon bald übersiedelte die Familie in den 11. Bezirk Simmering, wo sie in verschiedenen Miethäusern wohnte, bis sie schließlich eine Wohnung in den 1912 errichteten Krankenkassenhäusern in der Braunhubergasse bekam. Rosa besuchte fünf Klassen Volksschule und drei Klassen Bürgerschule. Mit 14 Jahren verlor sie ihre Mutter Josefine, die im Alter von 41 Jahren an „Erschöpfung“ starb.

Politischer Werdegang

1920 wurde Rosa Jochmann Arbeiterin und Betriebsrätin in der Simmeringer Firma Auer (Erzeugung von Glasglühstrümpfen).

Ab 1925 wurde sie Sekretärin der Gewerkschaft des chemischen Verbandes. Diese Funktion hatte sie bis 1932 inne. Als solche fand sie Anschluss an die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP).

Als Absolventin des ersten Lehrganges der Parteihochschule in Döbling im Jahr 1926 gelangte sie sehr rasch an die Spitze der damaligen SDAP. Sie wurde Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen und danach deren Vorsitzende. Als Mentorinnen standen ihr Adelheid Popp und Käthe Leichter, die Gründerin der Frauenabteilung in der Arbeiterkammer, zur Seite. Sie halfen der ehemaligen Hilfsarbeiterin, selbstbewusst zu agieren und sich nicht von Intellektuellen einschüchtern zu lassen.

1932 wurde sie Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen Österreichs.

1933 erfolgte ihre Wahl in den Bundesvorstand der SDAP und war Gründungsmitglied der Revolutionären Sozialisten.

Im Jahre 1934 war sie während der Februarkämpfe Stenotypistin von Radioberichten für die Rumpfparteileitung. Nach dem Parteiverbot durch die Austrofaschisten vertrat sie den alten Parteivorstand im Führungskomitee der Revolutionären Sozialisten Österreichs (RS). Unter dem Decknamen Josefine Drechsler setzte sie ihre politische Arbeit fort. Im August 1934 wurde sie in Wiener Neustadt bei einer Untergrundaktion verhaftet und anschließend zu einem Jahr Kerker und drei Monaten Polizeistrafe verurteilt.

Sie wollte aber nicht emigrieren und nahm damit in Kauf, dass sie am 22. August 1939, verhaftet wurde. Unter den Nazis war sie von August 1939 bis März 1940 im Polizeigefangenenhaus Elisabethpromenade „Liesl“ inhaftiert.  Nach monatelanger Gestapohaft im März 1940 mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ in ihrem Schutzhaftbefehl ins KZ Ravensbrück deportiert (Schutzhäftling 3014). In Ravensbrück kam es unter anderem zu einer sechsmonatigen Dunkelhaft mit Essensentzug und Zwangsarbeit im Industrieblock.

Nach ihrer Rückkehr nach Wien war sie sofort wieder in Führungspositionen der Sozialdemokratie tätig und wurde schließlich Nationalratsabgeordnete von 1945 – 1967 im neuen Nationalrat nach dem 2. Weltkrieg.

Vorsitzende des Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer
Von 1959 bis 1967 war Rosa Jochmann Frauenvorsitzende der
SPÖ; als langjährige Vorsitzende des Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus – von 1948 bis 1990! – war sie stets bemüht, das Andenken an die Greuel des Faschismus lebendig zu erhalten.

Rosa Jochmann 01

Zum 100sten Geburtstag
Aus Anlass des 100sten Geburtstages von Rosa Jochmann wurde ihr Nachlass im Sommer 2001 dem VGA, Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung (Vorwärts-Haus), übergeben. Rosa Jochmann hat einen sehr umfangreichen Nachlass hinterlassen: Briefwechsel über Jahrzehnte (von 1933 bis zu ihrem Lebensende), Manuskripte, Rededispositionen ab 1945, Kalender, die ihren politischen Alltag dokumentieren, unveröffentlichte Interviews, Tagebucheintragungen, Erinnerungen, umfangreiches Fotomaterial. Ein wesentlicher Teil des Nachlasses besteht aus Dokumenten und Materialien aus und zu der Zeit, in der Rosa Jochmann Häftling im KZ Ravensbrück war.

Gedenken an Rosa Jochmann im Parlament

Spuren in Simmering
Noch heute findet man Rosa Jochmanns Spuren in Simmering: So wurde die Rosa-Jochmann-Schule und der Rosa-Jochmann-Ring nach ihr benannt. An dem Wohnhaus in der Braunhubergasse ist eine Gedenktafel angebracht.

Arbeiterin für Erinnerung und Menschlichkeit
Als das KZ Ravensbrück befreit wurde, blieb Rosa Jochmann an der Seite derer, die das Lager nicht verlassen konnten.
Beate Hausbichler im Standard 6.2.2105 – jochmann – 2015

Anläßlich des Novembergedenkmarsch 2016 erinnerte Heinisch Hosek an fünf starke PolitikerInnen, die die Republik – insbesondere für die Frauen – zum Positiven verändert haben. Rosa Jochmann, Käthe Leichter, Hertha Firnberg, Johanna Dohnal und Barbara Prammer.


Zum 120. Geburtstag von Rosa Jochmann schreibt die Pro-Ge in der „Glück Auf“

„Das Elend machte mich zur Sozialistin“

Rosa Jochmann (1901–1994) war als Zeitzeugin, ehemalige Widerstandskämpferin und Überlebende des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück bekannt und galt als „Grande Dame“ der Sozialdemokratie. Sie war zeit ihres Lebens eine glühende Kämpferin gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus.

Am 19. Juli 1901 als viertes von insgesamt sechs Kindern in Wien geboren, wuchs Rosa Jochmann in einer böhmischen ArbeiterInnenfamilie auf. Die Eltern starben früh (1914 und 1920). Nach dem Tod der Mutter begann Rosa mit knapp vierzehn Jahren in einer Süßwarenfabrik zu arbeiten. Mit 19 Jahren wurde sie Betriebsrätin in einer Glühstrumpf-Fabrik. Bald engagierte sie sich in der Gewerkschaft und wurde 1925 Gewerkschaftssekretärin des Chemieverbandes. In den 1920er-Jahren trat sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und stieg rasch bis in die Parteispitze auf.

Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der SDAP gelang es Jochmann bis in den August, mit einer gefälschten Identität der Verhaftung zu entgehen.

Politische Haft und KZ

Nach dem Parteiverbot war Rosa Jochmann unter dem Decknamen Josefine Drechsler aktiv und am Aufbau der illegalen Revolutionären Sozialisten maßgeblich beteiligt. 1934 wurde sie bei einer Untergrundaktion verhaftet und zu einem Jahr Kerker und drei Monaten Polizeistrafe verurteilt.

Obwohl man ihr die Möglichkeit zur Flucht bot, blieb die Widerstandskämpferin nach dem Anschluss in Wien. 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, wurde sie verhaftet und nach sieben Monaten Gestapo-Haft im März 1940 mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ ins KZ Ravensbrück deportiert. Durch die Fürsprache von Käthe Leichter wurde sie zur Blockältesten bestimmt, einer Art Vermittlerin zwischen Lagerleitung und Häftlingen. Sie überlebte unter anderem eine sechsmonatige Dunkelhaft mit Essensentzug und Zwangsarbeit im Industrieblock bis zur Befreiung 1945

Rosa Jochmann engagierte sich von jungen Jahren bis ins hohe Alter politisch. Sie sagte dazu einmal: „Ich habe in meinem Leben viel Elend und Not gesehen. Das Elend hat mich zur Sozialistin gemacht. Ich bin, ich war und ich werde immer Sozialistin bleiben!“

Ihren Prinzipien treu

Zurück in Wien lehnte sie das Angebot entschieden ab, in eine leer stehende, „arisierte“ jüdische Villa in Döbling (die

nationalsozialistischen Bewohner waren zuvor geflohen) zu ziehen, und gab sich jahrelang mit einem Einzelraum als Bleibe zufrieden. Sie setzte ihre politische Tätigkeit in der SPÖ bis 1967 fort, war ab 1945 Mitglied des Parteivorstandes,
Nationalratsabgeordnete und ab 1959 auch Bundesfrauenvorsitzende. Sie war außerdem lange Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus (1948–1990), Vorsitzende der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (1984–1994) sowie Vizepräsidentin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (1963–1994).

Rosa Jochmann 1991

Unermüdliche Mahnerin

Als 1978 das Unterrichtsfach „Politische Bildung“ eingerichtet wurde, stellte sie sich, bereits 77-jährig, als Zeitzeugin zur Verfügung. Sie besuchte Hunderte Schulen, führte unzählige Gespräche mit jungen Menschen und sprach auf Kongressen im In- und Ausland, um vor Rechtsextremismus und Antisemitismus zu warnen. Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatte sie beim Lichtermeer 1993 gegen das Anti-Ausländer-Volksbegehren „Österreich zuerst“ der FPÖ. Am 28. Jänner 1994 verstarb Rosa Jochmann im 93. Lebensjahr.