Neues Freies Österreich

Die Opfer der Freistädter Widerstandsgruppe

Im Frühjahr oder Sommer 1944 schlossen sich einige Freistädter Bürger unter Ludwig Hermentin zu einer Organisation zusammen, die das Ziel hatte, Österreich von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien.(1)


Am 5. Mai 1995 wurde in Freistadt im Gedenken an das Kriegsende vor 50 Jahren ein Denkmal eingeweiht, das elf Freistädtern gewidmet ist, die noch in den letzten Kriegstagen auf besonders schreckliche Art und Weise Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Diese elf Morde stellen gewissermaßen das zentrale Thema des Denkmals dar. (4) Das Denkmal besteht aus einem blautransparenten Glaskörper, einem „blauen Monolith“, und soll unter anderem die Freiheit des Geistes und des Bewusstseins symbolisieren.

Diese überparteiliche Gruppe wurde 1943/44 vom Geschäftsführer der Landeskrankenkasse Freistadt, dem Sozialdemokraten Ludwig Hermentin, und dem Linzer Büroangestellten Willibald Thallinger gegründet. Ihr gehörte auch der ehemalige christlichsoziale Landtagsabgeordnete Leopold Kotzmann an, der mittlerweile Gemeindesekretär in Sandl war.(2)

Die Tätigkeit der Widerstandsgruppe ist noch immer nicht restlos geklärt. Aufgrund der gefundenen Dokumente erscheint folgendes plausibel:

Die Absicht Luftlandeoperationen der Alliierten zu unterstützen, indem die Zivilverwaltung von zuverlässigen Österreichern übernommen werden sollte. Weiter ist eine Verbindung nach Linz und möglicherweise Wien per Funk zu den Engländern überliefert.
Die bescheidene Bewaffnung der Gruppe, diente vermutlich nur zum Selbstschutz oder dazu, Kurzschlusshandlungen von Nazi-Funktionären zu verhindern.
Eine Geldsammlung wurde durchgeführt, die für soziale Zwecke verwendet werden sollte, aber auch, um die Arbeit der Widerstandsgruppe zu finanzieren.

Die Gestapo schleuste in die Freistädter Gruppe einen Spitzel ein. Eine Verhaftungswelle überrollte im Oktober und im November 1944 die Stadt. 52 Personen,
39 Männer und 13 Frauen kamen in die Gestapo-Haft. 52 Personen, das sind 1,3% der
damals 4000 Einwohner von Freistadt. Nur die ersten Verhaftungen können mit der
Spitzelarbeit der Gestapo erklärt werden. Freistädter Nazis haben in Zorn und Verbitterung über das absehbare Ende des Nationalsozialismus skeptische Mitbürger denunziert. In der Haft wurden durch Folter Geständnisse erpresst. 18 Inhaftierte wurden ohne Anklage entlassen, es konnten ihnen keine Verbindungen zur Gruppe Hermentin nachgewiesen werden. Gegen 36 Menschen sollten zwei Schauprozesse wegen Hochverrat geführt werden, einer in Linz und einer in Wien. Der Prozess in Wien kam wegen dem Kriegsende nie zustande. (5)

Hellmut Heidlberger war Lehrling in der Krankenkasse bei Ludwig Hermentin. Er schildert die Ereignisse bei der Verhaftung seines ehemaligen Vorgesetzten:

Am 9. Oktober 1944 war es dann endgültig soweit. Bis zu dem Zeitpunkt hab ich nur ein paar Namen gewusst, aber auch nichts Genaueres. Im Wesentlichen bin ich als Bote eingesetzt worden, wobei man sich natürlich schon manches zusammenreimen hat können. Aber ich hab nicht gewusst, dass es eine größere Gruppe gibt in Freistadt, die als Widerstandsgruppe tätig ist. Das hat sich erst herausgestellt am 9. Oktober 1944, wie mein Chef weggegangen ist, und dann ist die Gestapo gekommen. Da haben wir eigentlich erst erfahren, dass er verhaftet worden ist und gleichzeitig auch auf einen Schlag eine größere Gruppe von Freistädter Bürgern, die dann alle in die Kreisleitung hinausgekommen sind, die kassiert worden sind von der Gestapo. Wie ich das erfahren hab – in der Mittagspause, da war es ein wenig ruhig -, da hab ich mir gedacht, jetzt schaust du einmal da hinein in den Schreibtisch vom Chef. Ich hab sonst ab und zu etwas suchen müssen, was er gebraucht hat. Ich hab da herumgekramt, und fallen mir Papiere in die Hand. Die habe ich geschnappt, hab sie angeschaut, eingesteckt, bin hinübergegangen in unser Materialkammerl […] Dort hab ich sie versteckt. [Die Papiere – diverse Listen, u. a. Übernahmepläne für öffentliche Funktionen in Freistadt – blieben bis zur Befreiung im Mai 1945 in diesem Versteck.] – (3)

Heidlberger selbst wurde zu 4 Jahren Jugendgefängnis in Hochverratsprozess verurteilt

Die Todesurteile

Zum Tode verurteilt wurden:

  • Ludwig Hermentin (geb. 1896), Leiter der Krankenkasse und Kopf der Gruppe, wohnhaft in Freistadt,
  • Karl Preinfalk (geb. 1893), Kaufmann, wohnhaft in Freistadt,
  • Johann Angerer (geb. 1879), Kaufmann, wohnhaft in Freistadt,
  • Josef Haunschmidt (geb. 1906), Molkereileiter, wohnhaft in Freistadt,
  • Ignaz Bayer (geb. 1898), Molkereiangestellter, wohnhaft in Neumarkt im Mühlkreis,
  • Johann Schöfer (geb. 1903), Landratsangestellter, wohnhaft in Lasberg,
  • Leopold Kotzmann (geb. 1884), Gemeindesekretär, wohnhaft in Sandl, vor 1938 Landtagsabgeordneter,
  • Willibald Thallinger (geb. 1911), kfm. Angestellter aus Linz

Leopold Riepl aus Sandl und Johann Königsecker wurden ebenfalls zum Tode verurteilt, als Wehrmachtsangehörige jedoch von einem Militärtribunal. Da die Urteilsbestätigungen aufgrund der Wirren der letzten Kriegstage nicht mehr aus Berlin eintrafen, wurden die Todesurteile nicht mehr vollstreckt.

Ignaz Baier (geb. 31. 1. 1898), Kriminalrevierinspektor, gehörte der „Freistädter Gruppe“ an. Die Widerstandsgruppe, die sich 1944 in Freistadt (OÖ) konstituiert hatte, war politisch sehr heterogen zusammengesetzt und sammelte insbesondere Geldspenden zur Unterstützung von KZ-Insassen und Häftlingen. Sie wurde im Oktober 1944 von der Gestapo aufgerollt, nachdem eine festgenommene Kontaktperson (Ludwig Thallinger aus Linz) vermutlich unter dem Druck der Gestapoverhöre zusammenbrach und die Gruppe verriet (auch er wurde zum Tode verurteilt und in Treffling hingerichtet). (6)


Quellenverzeichnis