Flucht, Widerstand, Repression: Das Arbeiter:innenviertel Nikaia

In Kokkinia entstand als eine der größten Flüchtlingssiedlungen am Rande von Piräus. Die Flüchtlinge stammten vor allem aus der Gegend um Smyrna (heute Izmir). Seine Entstehung und Entwicklung sind untrennbar mit den großen Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts und dem politischen Widerstand verbunden. 1940 wurde der Stadtteil zu Ehren der antiken Stadt Nikaia (Nicäa) in Kleinasien in Nikaia umbenannt.

Eleni Kyramargiou und Olga Lafazani führen uns durch den Stadtteil. Am Beginn war uns das Wetter noch hold.

Die Arbeit der armenischen Fotografen, der Brüder Dirdilian, hat seltene Momentaufnahmen aus den Anfängen der Flüchtlingssiedlung Nikaia bewahrt – Zeugnisse, die es für andere Flüchtlingsviertel nicht gibt.
Ankunft von Flüchtlingsfamilien in Athen und ihre vorübergehende Unterbringung in Eisenbahnwaggons und anderen Unterkünften, 1922. [PETROS POULIDIS]1

Das Gebiet, das damals aus unbewohntem Land bestand, wurde schnell zu einer der größten Flüchtlingssiedlungen Griechenlands. Die Bedingungen in den ersten Jahren waren unvorstellbar hart. Die Menschen lebten in Zelten und später in kleinen, hastig errichteten Lehmhütten2

Ein Bild aus dem Archiv der Familie Dildilian, einer renommierten Fotografenfamilie, die im Osmanischen Reich lebte, bevor zwei der Söhne ein Studio in Nea Kokkinia, einem Vorort von Piräus, gründeten, zeigt einen Teil der organisierten Flüchtlingssiedlung.

Es entstanden Vereinigungen, so die Wissenschaftlerin Kyriaki Papathanasopoulou anlässlich einer Ausstellung in der Nikaia Municipal Art Gallery. Sie halfen „den Geflüchteten“ die Staatsbürgerschaft zu erlangen und die notwendigen Dokumente für Transaktionen mit dem griechischen Staat zu erhalten sowie bürokratische Hürden zu überwinden, da viele dieser Geflüchteten nur Türkisch sprachen.

Junge Frauen aus Şirince und anderen Teilen Kleinasiens lernen das Nähen. (Vom Panhellenischen Verband der Griechen aus Efessos)

Die NTUA (National Technical University of Athens) dokumentierte insgesamt 1.282 Flüchtlingsgebäude in der Region. „Wir hatten mit etwa 400 bis 500 gerechnet, aber letztendlich waren es über 1.200“, erklärte Nikos Belavilas, der wissenschaftliche Koordinator, gegenüber Kathimerini3. Er hob die Vernachlässigung und den Verfall der Gebäude als größte Herausforderung in Nikaia hervor. Bemerkenswerterweise befanden sich 85 Prozent der Unterkünfte in einem guten oder mäßigen Zustand. Abgesehen von den sogenannten „Germanika“-Gebäuden, Fertighäusern, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg als Reparationsleistung an Griechenland lieferte, weisen die übrigen Flüchtlingsgebäude neoklassizistische Architektur auf und sind aus Stahlbeton mit Platten, Vorsprüngen und soliden Dächern errichtet. „Viele dieser Gebäude wurden in den 1960er Jahren repariert, einige erhielten in dieser Zeit zusätzliche Umbauten“.

Während des Rundgangs zeigten uns Eleni und Olga einen ehemaligen Hamam, der mittlerweile in ein Schulgelände integriert ist. Er war täglich für Damen, nachmittags und ab 17 Uhr für Herren. Sonntags ganztägig für Herren geöffnet.

Das Nazi-Massaker in Kokkinia

Am 17. August 1944 wurden in Kokkinia (auch bekannt als Nikaia) in der alten Fabrik der britischen Firma Oriental Carpet 75 Mitglieder des griechischen Widerstands von Nazi-Truppen hingerichtet. Hunderte weitere Männer und Frauen aus der Gegend erlitten ein ähnliches Schicksal. Mehr dazu…


Quellenverzeichnis

  1. Artikel in Katerimini„1922“: Flüchtlinge veränderten Athen und Thessaloniki – Die 1920er Jahre waren ein Katalysator für die großstädtische Transformation der beiden Metropolen. ↩︎
  2. Alexandra Skaraki, Nikaia, back when it was Nea Kokkinia, Mai 2023 ↩︎
  3. ekathimerini (griech. online Zeitung) am 25.1.2025 ↩︎

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