Intern. Arbeiterkongress 1889 plant 1. Mai 1890

Der Internationale Arbeiterkongress fand zwischen dem 14. und 21. Juli 1889 in Paris statt. Am sozialistischen Kongress nahmen etwa 400 Delegierte teil. Die Mehrheit kam aus Europa. Es kamen auch Delegierte aus Russland, USA, Argentinien und Ägypten. Das Motto lautete:

Proletarier aller Länder, vereinigen wir uns! Politische und wirtschaftliche Enteignung der Kapitalistenklasse. Vergesellschaftung der Produktionsmittel

Beschluss zum 1. Mai 1890

Genosse Lavigne stellte im Namen der französischen Gewerkschaften den Antrag zur Abhaltung einer großen Internationalen Manifestation für den Achtstundentag an einem und demselben Tage gleichzeitig in allen Ländern ins Werk zu setzen. Nach der Meinung der Antragsteller sollte diese internationale Kundgebung am 1. Mai 1890 stattfinden.

Wilhelm Liebknecht und der französische Kommunarde Edouard Vaillant werden zu Vorsitzenden des Kongresses gewählt. Um größtmögliche Demokratie zu ermöglichen, wurde auf Bebels Initiative hin beschlossen, alle Kongreßsitzungen öffentlich zu veranstalten.

Österreich wurde vertreten von Adler, Ellenbogen, Pernerstorfer (deutsche Partei), Nemec, Vanek (tschechische Partei), Daszynski (polnische Sozialdemokratie). Die Österreichische Gewerkschaftskommission hatte Hueber und Dr. Karpeles delegiert, die Verbände der Holzarbeiter, der Eisenbahner, der Metallarbeiter und der Schneider waren durch Starek, Tomschik, Beer und Smitka vertreten.

Tagesordnung des Kongresses

  1. Ausführung der Beschlüsse der internationalen kongresse. Aufsuchung und Anwendung praktischer Methoden für die internationale Verständigung. Organisation und Aktion der Arbeiter und Sozialisten.
  2. Internationale Gesetzgebung behufs Begrenzung des Arbeitstages. Diskussion über die Möglichkeit eines Mindestlohns in den verschiedenen Ländern.
  3. Notwendige Bedingungen für die Befreiung der Arbeit:
    1. Organisation und Betätigung des Proletariats als Klassenpartei;
    2. politische und wirtschaftliche Enteignung der Bourgeoisie;
    3. Vergesellschaftung der Produktionsmittel
  4. Der Völkerfriede; der Militarismus; die Beseitigung der stehenden Heere.
  5. Kolonialpolitik.
  6. Die Organisation der seemännischen Berufe.
  7. Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht und die direkte Gesetzgebung durch das Volk
  8. Der Sozialismus in den Gemeinden
  9. Eroberung der staatlichen Macht und die Bündnisse mit den bürgerlichen Parteien.
  10. Der 1. Mai
  11. Die Truste
  12. Generalstreik

Österreichischer Beitrag zu Tagesordnungspunkt 7

Beim Punkt der Tagesordnung: „Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht und die direkte Gesetzgebung durch das Volk“ nahm der Kongress über Antrag Pernerstorfers einstimmig und ohne Debatte folgende Resolution an:

„Das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle Körperschaften der gesetzgebenden und ausübenden Staatsgewalt ist ein unverrückbares Ziel der Sozialdemokratie, dessen Erreichung eines der wesentlichen Mittel der politischen und sozialen Befreiung ist.

Der Kongress fordert alle Völker, die entweder noch gar keine oder eine auf der Grundlage von Privilegien aufgebaute parlamentarische Vertretung haben, auf, den Kampf für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht zu führen, bis es in vollem Umfang errungen ist. Der Kongress erkennt in dem Kampfe um dieses Wahlrecht sowie in der Ausübung diese Wahlrechts selbst eines der besten Mittel zur Erziehung des Volkes zum öffentlichen Leben.

Der Kongress spricht die Überzeugung aus, dass die Frauen denselben Anspruch auf die politischen Rechte haben wie die Männer; er fordert also dieses Wahlrecht für beide Geschlechter.

Der Kongress erklärt es für eine Aufgabe der Sozialisten jener Länder, die das allgemeine Wahlrecht schon besitzen, dieses bei ihnen schon bestehende Wahlrecht zu einem System der Proportionalvertretung auszubauen.

Zugleich fordert der Kongress in Konsequenz der Volkssouveränität die Anstrebung der direkten Gesetzgebung durch das Volk, sowohl durch die Einräumung des Rechtes der Initiative an das Volk sowie durch die Einführung des Referendums.

Der Kongress erklärt alle diese Forderungen als notwendige Erziehungsmittel des Volkes, um es intellektuell und moralisch in den Stand zu setzen, den Klassenkampf für die soziale Befreiung mit den gesammelten Kräften und einheitlichen Nachdruck führen zu können und sich für die Besitzergreifung der politischen Macht vorzubereiten, um sodann planmäßig an die Konstituierung der sozialistischen Gesellschaft schreiten zu können.“


Geschichte der Österreichischen Sozialdemokratie von Ludwig Brügel, 4. Band, Seite 379-380, Wien 1923

Quellenverzeichnis

  • Wikipedia zu Internationaler Arbeiterkongress
  • Victor Adlers Aufsätze, Reden und Briefe, Hrsg. Parteivorstand der SDAP, VII,. Heft, 1929, Internationale Taktik
  • Junge Welt 10.07.2004 Wochenendbeilage
  • Geschichte der Österreichischen Sozialdemokratie von Ludwig Brügel, 4. Band, Wien 1923