Arbeiterbildungsverein 1848

Vor 178 Jahren steckte die “Bürgerliche Revolution” in ihren Anfängen. Erstmals gab es den Versuch von Arbeiter:innen nachhaltige Organisationsformen zu bilden. Ein Arbeiterbildungsverein machte den Anfang.

Wir aber verlangen Bildung, und möchten sie von Euch verlangen. Oder glaubt ihr, uns sei ganz wohl, weil wir so still sind, und höchstens nur einige Gewerke ihre Banden bescheiden zu lüften versuchen? Seht ihr es wirklich nicht, dass wir in Dumpfheit, In Elend und jämmerlicher Unwissenheit verschmachten? Da wird hin und her gesprochen und geschrieben, vom Volke, fürs Volk, vom deutschen Volke, vom freien deutschem Volke! … Bildung ist die einzige Quelle der Freiheit! Strebt danach, dass der Stumpfsinn vermindert werde, dass auch die Geringsten ihre Würde erkennen1

Politisches ABC2

Schon am 29. März 1848 berichteten die Blätter, daß zwei Tage vorher am Neubau und Schottenfeld zahlreiche Versammlungen von Fabrikarbeitern, vorzüglich von Webergesellen, stattgefunden hätten. „Im großen Hofe der Weberherberge wogte eine zahllose Menge, an welche einzelne Redner ergreifende Worte richteten3.

Am 15. April 1848 veröffentlichte die „Gegenwart“ an der Spitze des Blattes ein „Promemoria der Schlossergesellen an alle Menschenfreunde“, in dem diese ihre Bitten und Forderungen der Öffentlichkeit vortrugen. Es hieß da: „Die erste unserer Bitten besteht in der Abkürzung der Arbeitszeit, die nur von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends währen soll, anstatt wie bisher von 5 Uhr früh bis 7 Uhr abends.“
Zweitens wird eine Verminderung der Lehrlingszahl und auch für sie eine Verkürzung der Arbeitszeit verlangt.
„Ferner wollen wir, dass die Arbeit künftig von dem Herbergsvater nicht aber von dem Ansagemeister angewiesen werde, dem wir viele Gulden geben mussten, um sie zu erlangen.“

Am 4. Mai 1848 Aufruf zum Arbeiterbildungsverein in der Konstitution, einem radikal-demokratischen Tagblatt:

“Nicht die Lust, zu schreien, nicht die Lust, euch aufzuwiegeln, ihr Arbeiter, nicht die Selbstsucht, womit man eure Vertreter schändlich zu verleumden wagt, ist es, was mich bestimmt, zu schreiben; nein, es ist mein Herz, das eure Leiden kennt, das euch mit inniger Liebe umfasst, dem es weh tut, wenn es in eure bekümmerten Gesichter sieht, das wild aufflammt, wenn es die parfümierten Mumien an euch vorbei
stolzieren sieht, die ein Privilegium auf Zartgefühl und Bildung zu haben glauben und es nicht lassen können, dass in euch gleiche Gefühle für Schmerz und Freude leben, es nicht begreifen, wie man imstande
sein kann, gleiche Rechte für euch zu beanspruchen.“

Zweck des Vereins:
1. Belehrung durch leichtfaßliche Vorträge
2. Unterhaltung in würdiger, belebender Weise

Die Arbeiter erhofften sich viel von dem in Gründung begriffenen Arbeiterverein, der eine Stätte der Auseinandersetzung über die wirtschaftlichen Probleme sein sollte.
Zu gleicher Zeit beschäftigte indes auch eine zweite große Frage die Öffentlichkeit, und insbesondere die Arbeiter, nämlich die Frage der politischen Gleichberechtigung.

Am 11. Mai 1848 war das provisorische Wahlgesetz erschienen, das die Arbeiter von allen Wahlrechten ausschloss. Dagegen setzte sofort eine heftige Agitation nicht nur der Arbeiter, sondern aller wahren Freiheitsfreunde ein; wusste man doch, dass die Arbeitermassen allein das wirkliche und unbeugsame Bollwerk des demokratischen Fortschrittes bildeten. Sofort nach dem Erscheinen des provisorischen Wahlgesetzes, am 12. Mai, schrieb die „Konstitution“:

„Die Arbeiter sind von allen Wahlrechten ausgeschlossen. Warum? Etwa weil sie sich ihr Brot am schwersten verdienen und für die meiste Arbeit im Staate den geringsten Genuss haben? Unter den Arbeitern ist weit mehr gesunde Intelligenz als unter unserem Spießbürgertum, das die Freiheit unbequem — und nur im alten System einen Rettungsanker findet. Dieser Ausschluss einer ungeheuren Klasse unter unseren Staatsbürgern ist eine schreiende Ungerechtigkeit, die sich bitter rächen wird.“

Die Arbeiter Sander, Hafner, Gerschmann, Gennert, Hillisch, Fischer und Brandstetter bildeten das Komitee zur Bildung des Arbeitervereins.Sie bildeten auch den ersten Vorstand.

„An die Arbeiter!
Liebe Freunde und Brüder!
Es hat sich hier ein Verein gebildet, dessen Zweck es ist, das Interesse an höheren und geistigen Dingen in unserem Stande zu erregen und zu befördern, den Gemeingeist zu beleben, das Zopf- und Haarbeuteltum unter uns, und die Vorurteile gegen uns zu vernichten, ferner jedem Arbeiter Gelegenheit zu geben, für die gute Sache zu wirken, jedem einen Zufluchtsort zu bieten, wo er volle Anerkennung
und würdigen Genuss findet.
Wir laden Euch nun alle, die Ihr es wünscht, daß sich ein engeres, bedeutenderes Leben unter uns entwickle, die Ihr das Bedürfnis fühlt, mit zubauen an den herrlichen Ideen der Freiheit, die Ihr Euch mit Gut- und Gleichgesinnten verbinden wollt, und Ihr, die Ihr einsam und verlassen steht, Euch alle laden wir ein, teil an diesem Verein zu nehmen. Die Versammlungen finden Mittwoch und Samstag, abends 8 Uhr, regelmäßig in dem Saale des Josefstädter Theatergebäudes, Parterre, statt, woselbst auch die Statuten einzusehen sind. Beitrag eines Mitgliedes ist für den ersten Monat 20 Kreuzer, für jeden folgenden auf 10 Kreuzer festgesetzt.”

Briefe an den Arbeiterverein sind zu bezeichnen: Alte Wieden, Hauptstraße Nr. 447, 3. Stiege, 4. Stock.

Die Konstituierung des Arbeitervereins fand am 24. Juni 1848 im Gasthaus “Zum Fürstenhof” statt. Die Rede von Sander war nichtssagend gehalten, um nirgends Anstoss zu erregen. Die Entwicklung des Kapitalismus befand sich in der Monarchie noch in den Kinderschuhen. Es wurde auch im Vorstand meisten in “zünftischen” Kategorien gedacht (Zusammengehen der Meister und Arbeiter). Sander selbst war der fortgeschrittenste im Vorstand, liebäugelte mit den Ideen des Sozialismus.

Sander wurde am 5. August 1848 zum Präsidenten gewählt.

Am 3. September 1848 fand ein vom demokratischen Verein und dem Arbeiterverein veranstalteter Trauerzug für die gefallenen Arbeiter des 23. August statt, der eine große Beteiligung aufwies.

In diesen Tagen, vom 28. August bis 7. September 1848, weilte auch Karl Marx in Wien. Er war herbeigeeilt, um die revolutionären Wiener Arbeiter für seine Ideen zu gewinnen. Im Arbeiterverein, wo Marx einige Vorträge hielt, machte er aber keinen großen Eindruck. Offenbar wurde er nur von sehr wenigen seiner Zuhörer verstanden und er musste deshalb resultatlos wieder abreisen.

Am 25. September 1848 fand eine Vorbesprechung für den Arbeitertag statt. Zur Abhaltung des Arbeitertages selbst, für den sich eine große Begeisterung kundgab, kam es jedoch infolge der Oktoberereignisse nicht mehr. Gerade als die Arbeiterbewegung den Versuch unternahm, sich auf den Boden des gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Kampfes zu begeben, siegte die Reaktion und erstickte jede selbständige Regung der österreichischen Arbeiterschaft.

Inhaltliche Punkte dieser Versammlung4:

  • Gleichstellung der politischen Rechte des Arbeiters mit denen anderer Stände.
  • Einsetzung von Arbeitsministerien, wozo auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören:
  • Freies Niederlassungsrecht
  • Freie Gewerbeordnung
  • Feststellung der Arbeitszeit
  • Bildungsanstalten
  • Errichtung von Kranken- und Invalidenkassen
  • Einführung von Schiedsgerichten
  • Aufhebung des Preßzwanges
  • Unbeschränkte Heiratserlaubnis

Was in den Augusttagen sichtbarlich in Erscheinung getreten war, der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat, hatte die weitere politische Entwicklung bestimmend beeinflußt. Die Bourgeoisie wollte nicht nur von der Revolution nichts mehr wissen, sondern sehnte die Reaktion, die ihr einen wirksamen Schutz vor der „Begehrlichkeit“ der Arbeiter versprach, mit heißer Sehnsucht herbei.


Quellenverzeichnis

  1. Ludwig Brügel, Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie, Wien 1922, Erster Band, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 6 Seite 54 ff  ↩︎
  2. Wien Bibliothek, Politisches ABC fürs Volk (populäres Staats-Lexikon), Hrsg. Joseph Seegen und Max Schlesinger, 1848, Expedition des “Grad aus!”, Kärntnerstrasse 967, Verlag von Lechner´s Universitäts Buchhandlung ↩︎
  3. Julius Deutsch, Geschichte der Österreichischen Gewerkschaftsbewegung. I. Band, Von den Anfängen bis zur Zeit des Weltkrieges, Wien 1929, Wiener Volksbuchhandlung, Wien VI, Seite 26ff ↩︎
  4. ÖNB digitales Archiv, Wiener Gassen-Zeitung, 22. September 1848, Seite 4 ↩︎

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