Aus Erfahrung gut – am Erfolg gescheitert?

Andreas Weigl hat sich im Rahmen der Forschung und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte mit der Firmengeschichte der Österreichischen AEG (1904-1996) beschäftigt. Erschienen ist das Buch2021 im Studienverlag – ISBN 978-7065-6184-6.

Ich habe das Buch nach gewerkschaftlichen Ereignissen in dieser Firma durchsucht und bin dabei auf ein paar interessante Ergebnisse des Autors gestossen.

Lohndiskriminierung der Frauen

Mit Abstand am schlechtesten bezahlt waren die Arbeiterinnen, sowohl was den Grundlohn als auch den Akkordlohn betraf. Arbeiterinnen einer großen elektrotechnischen Fabrik erhielten beispielsweise in den Jahren 1911/1912 nur etwa die Hälfte des Wickler- und nur ein Drittel des Dreherlohns.

Diese ausgeprägte Lohndiskriminierung der Frauen war allerdings kein Spezifikum der Elektroindustrie, sondern bestand in allen Branchen, nicht nur in der Industrie. (1)

Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es der Metallarbeitergewerkschaft kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen. An der Einkommenshierarchie änderte dies wenig. Die Frauen erhielten in der Wiener Großindustrie nach wie vor nur 50 Prozent des Lohnes qualifizierter Arbeiter. (5) Obwohl Großbetriebe höhere Löhne als die Klein- und Mittelbetriebe bezahlten.

Streiks, Arbeitskämpfe, Verhandlungen

  • 1908 – Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmer*innen mit Wiener Industriellenverband und Metallarbeiterverband (2)
  • 1910 – Die Hartnäckigkeit der Belegschaft zeigte erste Erfolge – Einführung der 50 – Stunden – Woche.
  • 1913 – Arbeit an einem Modernisierungsbündnis durch eines Rahmenvertrags zwischen Wiener Industriellenvereinigung und Metallarbeiterverband. Der Rahmenvertrag bestimmte auch in den folgenden Jahrzehnten die Kollektivvertragsverhandlungen. Abgesehenvon einer leichten AZV und einer Lohnerhöhung setzten die Gewerkschaftsvertreter die Untersagung des Akkordsatzes bei gleichbleibender Arbeuitsmethode durch und die Arbeiter erhieleten Einsicht in die jeweils geltenden Preislisten. Zudem wurde das System der Vertrauensmänner auflistet.
  • 1916 – Die Beschäftigten zählten zu den großen Verlierern des Weltkrieges, denn die Lohn- und Gehaltserhöhungen hielten mit der Inflation nicht mit. (3)
  • 1917 – Die Streikbewegungen im Mai 1917 und Jänner 1918 sorgten zwar für eine Abkehr vom Abwärtstrend und die Anhebung auf etwa ein Drittel des Vorkriegszustandes – unter Ausnützung maximaler Familienzulagen konnten Arbeiter sogar 50 % des Standes erreichen, Arbeiterinnen immerhin 40 Prozent -, doch angesichts der miserablen Versorgungssituation, die Einkäufe am Schwarzmarkt unbedingt erforderlich machte, blieben die Lebensumstände für viele äußerst kritisch.
  • 1918 – die Arbeiter verdienen das Fünf- bis Sechsfache der Vorkriegslöhne, während die Verbraucherpreise bis Juli 1918 auf das 12,7 – Fachegestiegen waren.
  • 1923 – die Elektroindustrie Siemens-Schuckert, die AEG-Union und Brown Boweri reagierten auf gewerkschaftliche Forderungen mit Aussperrungen. Im November 1923 konnte trotzdem ein Lohn- und Arbeitsvertrag ausgehandelt werden.
  • 1924 – Die Inflationsrate stieg um 17,7 Prozent. Die Gewerkschaft forderte eine Lohnerhöhung von 20 bis 30 Prozent auch angesichts der erheblich gestiegenen Produktivität. (6)
  • 1927 – Das Verhältnis zwischen Starkstromindustrie und der Gewerkschaft blieb angespannt. Die Gewerkschafter forderten die Bezahlung der Feiertage und erhöhte Überstundenzuschläge.
  • 1930 – am Beginn der Weltwirtschaftskrise stellte sich in der Branche eine größere Streikbewegung ein. Mit Zunahme der Arbeitslosigkeit ebte diese ab.
  • 1932 – gab es in der Metall- und Elektroindustrie keinen einzigen Streik.

Zwangsarbeit in der AEG der „Ostmark“

Die AEG war wesentlich am Krafthausbau des Kraftwerkes Kaprun beteiligt. Dies geschah zu erheblichen Teilen auf dem Rücken der Zwangsarbeiter. Neben den 1.100 österreichischen und deutschen Arbeitern kam es zum Einsatz von über 2000 polnischen, belgischen und russischen Zwangsarbeitern und etwa 8500 „Zivilarbeitern“ unter miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen. Der Bau forderte 83 Todesopfer, davon 56 Zwangsarbeiter. (7)

Auf der Gedenktafel an der Heidnischen Kirche am Speicher Mooserboden kommt eine Historikerkommission zu einem anderen traurigen Ergebnis. (8)
  • 1959 – Gründung der AEG-Austria
  • 70er Jahre – Beschäftigtenhöchststand von über 2000 Beschäftigten.(9)
  • 80er Jahre – Ernsthafte Arbeitskonflikte blieben im Zeitraum von der Gründung der AEG-Austria bis in die 1980er Jahre völlig aus.
  • 1996 – Die neugegründete AEG Energietechnik Ges.m.b.H und die AEG Anlagen und Automatisierungs Ges.m.b.H wurden mit den jeweiligen Partnern Alstom und Cecelec nach deutschem Muster vereinigt. Für die nicht übernommenen Beschäftigten verhandelte der Betriebsrat einen Sozialplan und die Errichtung einer Arbeitsstiftung. (10)

Quellenverzeichnis

  • (1) Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Band 62, Andreas Weigl, 2021, Aus Erfahrung gut – am Erfolg gescheitert? Die Geschichte der Österreichischen AEG von 1904 bis 1996, Studienverlag, ISBN 978-3-7065-6184-6, Seite 46
  • (2) Seite 47 f.
  • (3) Seite 53
  • (4) Digitales Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Arbeiter Zeitung am 21. Jänner 1918, Seite 5 – Domes war ab 1920 Präsident der Arbeiterkammer für Wien und Niederösterreich sowie Präsident des Österreichischen Arbeiterkammertages.
  • (5) Seite 61
  • (6) Seite 78 f.
  • (7) Seite 87
  • (8) Salzburg Wiki
  • (9) Seite 128 f.
  • (10) Seite 147

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