“Diejenigen, die uns schuldeten,
nehmen uns noch die Ochsen”
(griechisches Sprichwort)
“Was ist der Unterschied zwischen dem
Griechenland zur Zeit der Perserkriege und heute?
Damals wurden 300 geopfert, um den Rest des
Landes zu retten. Heute verhält es sich umgegkehrt.”
(Slogan auf dem Platz der Verfassung: das
griechische Parlament hat 300 Abgeordnete)
“Arme, esst euch nicht gegenseitig auf,
esst die Reichen, sie sind besser gemästet”
(Graffito in Athen)1

Quellen: Lüddemann Ralf – Zu den Anfängen der Arbeiterbewegung in Griechenland 1875 – 1918
Andere Quellen sind mit Fußnoten bezeichnet. Ab 1918 immer andere Quellen. weitere Hauptbezugsquelle das Heft 10 von 1957 Arbeit und Wirtschaft.
1826 – Schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen, niedrige Löhne, 15-16 Stunden Arbeitstage bewirkten das Suchen nach neuen Kampfformen. Eine unter ihnen war der Streik. Zum überhaupt ersten Streik kam es am 14. März 1826 in Nauplia. Dieser Hungerstreik der Buchdrucker war völlig unorganisiert.
1870 – entstand auf der Insel Syros, die bis 1880 das führende Handels- und Industriezentrum Neugriechenlands war, die Selbsthilfegenossenschaft des Arbeitsvolkes. Diese ersten Organisationsformen waren ständig kontrolliert von bürgerlichen Elementen.
1870 – 1875 – fortschrittliche Kräfte verteilen Flugblätter in Athen, Patras und auf Syros, Kerkyra und Kefalenia.
1871 – 80 Bergleute besetzen in Lavrion das Gebäude eines italiensch-französischen Minenbetrieb. Das Militär greift ein und die Streikenden werden entlassen2.

1876 – wurde in Patras die Demokratische Gesellschaft gegründet, die ab Mai 1877 die Zeitung “Elliniki Dimokratia” herausgab.
1879 – Erster wichtiger Streik im Februar 1879 auf der Insel Syros. Die Bruderschaft der Werfttischler von Syros forderte eine Festlegung der Arbeitszeit und Löhne und eine Sicherung der Arbeitsmöglichkeit überhaupt. Dem Streik schlossen sich die Gerbereiarbeiter der Insel an.
Es kam zum Einsatz von Streibrechern und Athener Militäreinheiten, die die “Ordnung” wieder herstellten.
1882 – Streik der Buchdrucker in Athen
1883 – 1890 – Drei Streiks der Bergarbeiter von Lavrion
Der erste Streik 1883 hatte nur begrenzten Umfang. Den zweiten Streik für Lohnerhöhung, Versicherung gegen Unfälle und Beseitigung der Sonntagsarbeit mussten sie nach dem Eingreifen der Polizei abbrechen.
In der Zeit von 8. bis 21. April 1890 kam es zu einer regelrechten Empörung, bei der auch Schußwaffen angewandt wurden. Athen war gezwungen auf Verlangen der Unternehmer Militär einzusetzen. 20 Arbeiter wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Der Streik wurde durch eine Flugblattaktion des Zentralen Sozialistischen Vereins unterstützt.
1885 – veröffentlichte Platon Drakoulis3 die erste Nummer seiner Monatsschrift “Ardin” – des “Organs zur Verteidigung der Menschenrechte”.
1888 – Arbeiter, die auf der Landenge von Korinth Bergbau betrieben, treten in Streik und fordern die korrekte Berechnung der Arbeitszeit. Auf dem Foto sind Arbeiter bei den Ausgrabungen des Isthmus von Korinth zu sehen.

1890 – gründet Stavros Kallergis4 in Athen den “Zentralen Sozialistischen Verein”. Unterorganisationen des Vereins bestanden in Piräus, Lavrion, Patras, Pyrgos und auf den Inseln Zakythos, Syros und in Ägios. 1893 und 1894 begin der Verein mit anderen griechischen Sozialist:innen im Athener Stadion feierlich den 1. Mai. Herausgabe der Wochenzeitschrift “Sozialistis” (erschien bis 1902).
1892 – erschien die griechische Übersetzung Bebels “Die Frau der Sozialismus”.

1892 – am 13. April der erste Streik von Arbeiterinnen in Griechenland traten die Weber der zweiten Textilfabrik der Gebrüder Retsina in Piräus in einen spontanen und unorganisierten Streik, nachdem der Arbeitgeber beschlossen hatte, den ohnehin geringen Lohn der „Textilarbeiter“ um 20 % zu kürzen. Auf dem Foto sind Weberinnen in der Retsina-Fabrik zu sehen.
1895 – Die wichtigste Forderung im Hinblick auf die Etablierung lokaler Monopole war die Anerkennung der Verantwortung der Gewerkschaften, die Berufszulassung zu bestimmen. Diese Forderung tauchte erstmals 1895 auf, doch vor allem in den 1910er und 1920er Jahren forderte die Arbeiterbewegung energisch, dass die Einstellung von Arbeitskräften über die Gewerkschaften erfolgen sollte.
1896 – Streik der Rosinenkistenarbeiter in Patras
1898 – Streik der Maschinenarbeiter in Piräus, im Oktober die Stuhlmacher in Patras, Volos und Athen und Ende des Jahres die Athener Buchdrucker.
1907 erschien in Athen vom Arzt Georgios Konstantinidis die Schrift “Unsere soziale Frage”. Die erste marxistische Analyse der griechischen Arbeiterbewegung.
1908 – Entstehung der Arbeiterzentrale (Zusammenschluß örtlicher Arbeitervereine; sie übernahmen u.a. die Leitung bei Streiks) in Volos
1909 – gründeten in Berlin griechische Tabakarbeiter:innen die “Hellenische Arbeiter und Arbeiterinnen Unterstützungsverein Proodos”.
1909 – Gründung der “Griechischen Sozialistischen Partei” durch Platon Drakoulis.
1909 – 1911 – machtvolle Streiks der Tabakarbeiter:innen, der Landarbeiter:innen Thessaliens, die Schiffsheizer in Piräus, die Eisenbahner und Straßenbahnfahrer Athens.
1909 – die wichtigste Arbeiterorganisation in den noch unter türkischer Herrschaft liegenden Gebieten war die in Thesaloniki gegründete Sozialistische Fédération. In ihr waren Griechen, Bulgaren, Türken und Juden zusammengeschlossen.
1909 – Nach dem Militäraufstand von 1909 führte die liberale Partei5 eine “Arbeitergesetzgebung” ein, einerseits um die berufliche Entwicklung der Arbeiter:innen zu sichern, andererseits um die Gründung von Arbeiterverbänden zu erzwingen. Durch diese rechtlichen Möglichkeiten sicherte sie sich die Sympathien der Arbeiterklsse im Kampf gegen reaktionäre Parteien.6
1910 – Gründung der Arbeiterzentrale in Athen, Piräus und Patras
1910 – Höhepunkt der Bauernbewegung im thessalischen Dorf Kileler – Aufstand der Bauern gegen die Großgrundbesitzer.
1911 – Erste einheitliche Gewerkschaftsorganisation des Landes, die “Allgriechische Arbeiterförderation” in Athen.
1912 – wurde ein bedeutender Streik von Bäckereiarbeitern niedergeschlagen, weil osmanische Griechen, die nach Athen geflohen waren, um der Einberufung in die osmanische Armee zu entgehen, als Streikbrecher rekrutiert wurden7.
1912 – Arbeiterhefte wurden 1912 erstmals für Bäckereiarbeiter eingeführt, verbunden mit der Pflicht zur Teilnahme an ärztlichen Untersuchungen, nachdem die Gewerkschaft dies gefordert hatte. Drei Monate später wurden sie genutzt, um die Rekrutierung von Streikbrechern während des Streiks der Bäckereiarbeiter zu verzögern.
1913 – Kostas Chatsopoulos8 veröffentlichte das ins griechische übersetzte “Manifest der Kommunistischen Partei”. Er ist auch der Autor “Was ist und was will der Sozialismus”.
1914 – rief die Allgriechische Arbeiterförderation alle sozialistischen und Arbeiterorganisationen Griechenlands zum Kampf gegen den vom Imperalismus vorbereiteten Krieg auf.
“Die auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften haben in Griechenland 3000 Mitglieder”.9 …Die revolutionäre Stimmung der Arbeitermassen als Folge des krieges einerseits und die würdige Haltung der Gewerkschaften während des Krieges andererseits gaben einen starken Impuls zu ihrer Entwicklung auf 35.000 Mitglieder.
1914 – Besonders im Hafen von Piräus wurden die Flüchtlinge, die aus einer großen Masse von Arbeitern bestanden und leicht mobilisiert werden konnten, als Streikbrecher beim Getreidehafenarbeiterstreik von 1914 eingesetzt.10
1914/1915 – Darüber hinaus finden sich in einigen Satzungen von Arbeitergewerkschaften Bestimmungen, die die Teilnahme auf griechische Staatsbürger beschränkte. Hier wurde die rechtliche Definition der Staatsbürgerschaft herangezogen, um Flüchtlinge auszuschließen11.
1915 – Antikriegsmeeting in Sofia und “Aufruf an die Arbeiterklasse und die Völker des Balkan”.
1916 – Die Antikriegsbewegung versuchte alle Kräfte der Gewerkschaften (Arbeiterklasse) zu vereinigen. Gründung der Sozialistischen Jugend durch die Studenten D. Ligdopoulos und Sp. Komiotis.
1916 – Es gab Fälle, in denen Formen der Solidarität, die auf lokalen Bindungen beruhten, der Klassenbildung nicht nur nicht widersprachen, sondern sogar zu ihr beitrugen. Die Solidaritätsbande der Gemeinden rund um die Mine von Serifos im Jahr 1916 trugen wahrscheinlich entscheidend zum militanten Streik dieses Jahres bei.

1916 – kündigte der Präsident des Arbeitszentrums Piräus jedoch an, dass auf dem kommenden Arbeiterkongress über die „Bevorzugung von Griechen bei der Einstellung, die in der Armee gedient hatten“, diskutiert werden würde. Diese Formulierung zielte eindeutig darauf ab, die Flüchtlinge zu diskriminieren, die nicht in der griechischen Armee gedient hatten12.
1918 – Geheime Tagung des Sozialistischen Arbeiterbundes Athens und der Fédération beim II. Sozialistischen Kongress in Saloniki. Die Hauptfrage war die Notwendigkeit der Bildung einer Arbeiterpartei.
Am 21. Oktober 1918 kamen Vertreter:innen von 44 Arbeitervereinigungen und 214 Vereine, die 60.000 Arbeiter:innen in sich vereinten zur 1. Allgriechischen Arbeiterkonferenz in Athen zusammen. Der Kongress erkannte die Prinzipien des Klassenkampfs als unveräußerlichen Bestandteil der neuen Gewerkschaftsbewegung (GSEE) an. Gleichzeitung wurden neun Berufsverbände gegründet (vier fehlten in der Aufzählung)13:
- Elektrizitätsarbeiter
- Gerbereiarbeiter
- Schuhmacher
- Hafenarbeiter
- Tabakarbeiter
- Eisenbahner
Vom 4. bis 10. November tagte in Piräus der 1. Allgriechische Sozialistische Kongreß. Dieser Kongreß wurde zum Gründungsparteitag der Sozialistischen Arbeiterpartei Griechenlands (SEKE), die sich 1924 in Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) umbenannte.
1919 – Ein mißglückter Generalstreik führte zur Spaltung der Verbandsleitung der GSEE. Es bildeten sich zwei Fraktionen, von denen die eine fünf und die andere sechs Mitglieder zählte. Unter den letzteren befanden sich verschiedene “Arbeiterpatrone”, Agenten der bürgerlichen Parteien. Unter den fünf Sozialisten gab es eine Spaltung über die Streitfrage “Welcher ideologischen Richtung soll die GSEE folgen?”
1919 – Nach der Niederlage der Griechen im Griechisch-Türkischen Krieg von 1919-22 kamen Millionen von Flüchtlingen aus Kleinasien nach Griechenland, die meisten von ihnen erlebten eine abrupte Proletarisierung. Die Konflikte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Flüchtlingen waren heftig und sind immer noch Teil des Griechischen kollektives Gedächtnis. Kulturelle und politische Unterschiede trugen sicherlich zu diesen Konflikten bei, aber es gab auch einen starken materiellen Hintergrund: Konflikte auf dem Arbeitsmarkt zwischen einheimischen Lohnarbeitern und Flüchtlingen, Konkurrenz zwischen einheimischen und geflüchteten Einzelhändlern und Angehörigen der freien Berufe um Kunde14n.
1920 – Gewerkschaftssituation in Griechenland: Von den 280 bestehenden Gewerkschaften gehörten 137 zum GSEE. 50 Gewerkschaften waren selbstständig und 50 waren “gelbe Gewerkschaften”.
1920 – Kongresse dieser beiden Gruppen in Piräus und Athen.
In Athen waren 137 Gewerkschafter:innen anwesend, die zusammen 32.000 Mitglieder vertraten. Sie fassten den Beschluss mit der Sozialistischen Arbeiterpartei zusammenzuarbeiten.
In Piräus, der von der Gruppe Yiannos einberufen wurde, war das Bestreben einer engeren Zusammenarbeit mit der liberalen Partei. Diese Bewegung zerfiel nach den Wahlen von 1920 und der Niederlage der Liberalen Partei.
1923 – nach dem Griechisch-Türkischen-Krieg kam es zum Ausbruch eines mißglückten Generalstreiks mit blutigen Zusammenstößen in Piräus und endete mit der Auflösung der Gewerkschaften durch die Regierung des Generals Plastiras.

1926 – dritter Kongreß der GSEE – die Reformisten errangen die Mehrheit und sie beschlossen den Anschluss an den Amsterdamer Internationalen Gewerkschaftsbund.
1928 – vierter Kongress der GSEE
1928 – Die Kommunisten gründeten den Unitären Allgemeinen Arbeiterverband.
Artikel15
1924 – Kommunistischen und sozialistischen Gewerkschafter versuchten ihre monopolistischen Praktiken weiterzuführen. Beim Lithografenverband beispielsweise wurde die „Überwachung, damit jeder eingestellte Arbeiter aus den Reihen der Verbandsmitglieder stammt“, in die Ziele der Satzung von 1924 aufgenommen, als die Gewerkschaft unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei stand.
1930 – fünfter Kongress der GSEE, auf diesen Kongreß schied die Gruppe Stratis-Lascaris aus, die sich für einen unabhängigen Syndikalismus entschieden hatte.


Artikel siehe Weckruf
1934 – sechster Kongreß der GSEE, die Eisenbahner und die Arbeitsbörsen in Athen, Patras und Saloniki gründeten einen dritten allgemeinen Arbeiterverband.
1936 – vereinigten sich wieder in der GSEE alle drei Verbände.
1937 – die Restauration der Monarchie mit gleichzeitiger Neutralisierung der politischen und sozialen Kräfte ermöglichte die Errichtung eines dikatorischen Regimes (Metaxas-Regime – 4. August 1936). Die gewählte Exekutive der GSEE vom 6. Kongreß wurde abgesetzt und durch Freunde des Diktaturregimes ersetzt. Am 7. Kongress wurde durch die neuen Machthaber die GSEE zum Anhängsel des Arbeitsministeriums. Der Arbeitsminister war gleichzeitig Generalsekretär der GSEE.
Einführung eines Pflichtbeitrages an die GSEE und die Berufsgewerkschaft.
Die Institution Arbeiterheim wurde gegründet, an die ebenfalls ein Pflichtbeitrag zu leisten war.
Der Widerstand aus der Arbeiter:innenbewegung wurde mittels Zensur, Streikverbot, Folter und systematischen Rechtsbruch, Verbannung von Gegnern auf abgelegne Inseln (berüchtigt wurde die kleine Kykladeninsel Makronisos) und der Gründung einer Geheimpolizei, gebrochen.17
Allerdings hat das Diktaturregime auch zwei Gesetze, welche die Abgeordnetenkammer kurz vor ihrer Auflösung beschlossen hatte, in Kraft gesetzt: das Gründungsgesetz für die Sozialversicherungsanstalt und das Kollektivvertragsgesetz.
Mehrere Arbeiterführer schlössen daraufhin ihren Frieden mit dem Diktaturregime. Sie gehören heute noch (1957) zu der Führungsschicht der Gewerkschaften.
1943 demonstrierten im März in Athen 200.000 Menschen gegen die Verschickung von Zwangsarbeitern nach Deutschland, was tatsächlich zum Ende dieser Zwangsmaßnahme führte – ein in den Besatzungsgebieten einmaliger Fall18.

1946

Vom Freitag, dem 1. März, bis zum 7. März 1946 fand der 8. Kongress der GSEE im „Olympia“-Theater in der Akadimias-Straße in Athen statt. Ein Ort der Begegnung, der die Demokraten vereinte. Die ERGAS (Antifaschistische Arbeiterkoalition) stellte die überwiegende Mehrheit der 1790 Delegierten. Das Foto zeigt den Beginn des Kongresses.

ÖNB-digitales Archiv, Österreichische Volksstimme am 16. Februar 1946

1947
Die Gründung der ADEDY (Anótati Diíkosi Enóseon Dimosíon Ypallílon), der obersten Gewerkschaftsorganisation für öffentliche Angestellte in Griechenland, fand im Dezember 1947 statt. Die ADEDY entstand aus der 1926 gegründeten SDYE, die während der Metaxas Diktatur unterbunden wurde. Die ADEDY ist der Dachverband der gewerkschaftlichen Verbände der Angestellten und Beamten des öffentlichen Dienstes in Griechenland. Er umfasst 52 Gewerkschaftsverbände 1366 Einzelgewerkschaften. (2009 angegebene Mitgliedszahl: 311.000)

194819
Die politische Vertretung der Arbeiterklasse wurde seit der Befreiung im Wesentlichen von der KKE wahrgenommen. Nach ihrer Verbannung in die Illegalität übernahm dies die EDA20. Ab 1948 geriet die Gewerkschaftsbewegung und den Einfluss von Bürokraten, die in
Wirklichkeit den Interessen der Unternehmer oder den an der Macht befindlichen Politikern, dienten.
Die Finanzierung der griechischen Gewerkschaftsbewegung erfolgte durch einen Pflichtbeitrag, der von allen Arbeitern und Angestellten, ob sie organisiert waren oder nicht, eingehoben wurde. Über einen staatlichen Fonds wurden die Einnahmen an die einzelnen Gewerkschaften verteilt. Dieser Beitrag, der pro Jahr die Höhe eines Monatsgehaltes erreicht, war ein Überbleibsel aus der Diktatur von 1938. Selbst Gewerkschaften der Tabakarbeiter, der Seeleute, der Eisenbahner und der Bankangestellten müssen ihre Pflichtbeiträge an den Staat abliefern.
Die Folgen dieser Zwangsreglementierung waren für die Gewerkschaften verheerend, weil die Gewerkschafter:innen von der Staatsgewalt abhängig gemacht wurden und die Interessen der Mitglieder in den Hintergrund traten. Die Gewerkschaftsfunktionär:innen orientierten sich mehr an den staatlichen Interessen und vernachlässigten ihre Pflichten gegenüber den Mitgliedern und an der Organisierung neuer Mitglieder.


Die Führungseliten der Gewerkschaften entwickelten sich zu Apparatschiks, die mit allen Mitteln, und nicht immer mit den feinsten, an der Macht und auf ihren Posten zu bleiben gewillt waren. Fälschung von Wahlergebnissen, nötigenfalls mit Unterstützung der Polizei waren an der Tagesordnung. Diesen Gewerkschaftsbosse gingen mit dem Spitznamen „ergatopateres“ in die Geschichte ein.
Zu21 diesen Arbeiterpatronen gehört die gesamte derzeit führende Schicht der griechischen Arbeiterbewegung (1957). Sie setzt sich aus der Leitung des GSEE, der einzelnen Berufsverbände und der Arbeitsbörsen sowie aus den Mitgliedern kleiner, gut organisierter Berufsgruppen zusammen. Es gibt etwa 2000 bis 3000 „Arbeiterpatrone”.
1949


1950 – Es gibt mehr 165 Versicherungskassen. Ein Versuch sie zusammenzulegen wurden von Arbeiterpatrones abgelehnt.
1950er- Jahre: Die von den Arbeitnehmern zugunsten der GSEE zu entrichtenden Pflichtbeiträge ergeben im Jahr rund 15 Millionen Drachmen (13 Millionen Schilling). Nach Abzug der Anteile der Zweigverbände und der Arbeitsämter verbleiben dem GSEE etwa 3,75 Millionen Drachmen (3,25 Millionen Schilling). Zusätzlich werden jedoch dem GSEE und den Arbeitsbörsen vom „Arbeiterheim” Mittel zur Verfügung gestellt, die gleichfalls aus Pflichtbeiträgen der Arbeitnehmer stammen. Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Leistung dieser Pflichtbeiträge durch die Arbeitnehmer stammen aus der Diktaturperiode des Jahres 1936.
1967 – 1974 – Während der Militärdiktatur waren die Gewerkschaften nicht aktiv22.
1974 – In den ersten Jahren nach der Wiederherstellung der Demokratie wurden ihre Aktivitäten vom Staat stark kontrolliert.
1976
400 Arbeiter der MEL-Papierfabrik in Thessaloniki und 800 der Ladopoulos-Papierfabrik in Patras, die derselben Gewerkschaft angehören, streiken seit 93 Tagen. Sie fordern eine Lohnerhöhung und die Gewährung einer Gesundheitszulage. Ihre Forderungen wurden erfüllt. Das Foto zeigt die Besetzung der MEL-Papierfabrik in Thessaloniki im Jahr 1976.

1982 – Neues Gewerkschaftsgesetz; Wahlverfahren nach dem Verhältniswahlrecht. Große Verzahnung von (Regierungs-)Partei und Gewerkschaften mit einem jahrzehntelang gepflegten System des” Gebens und Nehmens”.

1990 – Einführung eines Systes voller Tariffreiheit; flexible Arbeitsverträge, neue Beschäftigungsformen, prekär Beschäftigte, die nicht gewerkschaftlich organisiert waren.
1993

2000er Jahre – in der Telekommunikation, dem Gastgewerbe, der Gebäudereinigung und bei den Kurierdiensten gab es gewerkschaftliche Organisierungsbestrebungen.
Tarifverhandlungen fanden bis 2010 auf Branchenebene statt. Die Allgemeinverbindlichkeit war gnerelle Praxis. Auf betrieblicher Ebene konnten ebenfalls Tarife ausgehandelt werden, aber sie durften den Flächentarif nicht unterschreiten. Insgesamt waren ca. 90 % aller Arbeitnehmer:innen von Tarifverträgen erfasst.
2009– Gründung sogenannter Basisgewerkschaften (Gewerkschaften für prekär Beschäftigte) – z.b.: “Initiative Diakoptes” sowohl auf Betriebsebene als auch branchenweit tätigen Basisorganisationen. Einrichtung einer horizontalen Koordination der Athener Basisgewerkschaften (Syntonismos Protovathmion Somation) ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen. Sie verstanden sich nicht als Konkurrenz zur GSEE.
2010 – Machtverlust der Gewerkschaften durch den Eintritt Griechenlands in die Hilfsprogramme, rapid ansteigende Arbeitslosigkeit, Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaft nimmt rasant ab.
Das gewerkschaftliche Verhandlungsmonopol wurde durch zulassen vin nicht-gewerkschaftlichen Arbeitnehmervertretungen beim Abschluss von Unternehmenstarifverträgen aufgebrochen. Die Allgemeinverbindlichkeit wurde ausgesetzt. Die Nachwirkung von Tarifverträgen wurde von sechs auf drei Monate reduziert. Die Begrenzung der Geltung von Tarifverträgen auf drei Jahre festgelegt.
Wir schulden nichts, wir verkaufen nichts, wir zahlen nichts23
2010 – Gewerkschaftsreaktion auf die Sparpolitik
Der erste Generalstreik fand am 5. Mai 2010 statt. 11 weitere folgten 2010.
Selbst in Zeiten relativen Arbeitsfriedens waren zwei bis drei Generalstreiks pro Jahr nichts Ungewöhnliches. Die rein quantitative Steigerung in den Krisenjahren wurde für unzureichend erachtet und als Beweis für die Unfähigkeit des GSEE gewertet, sein Repertoire zu modernisieren. Andererseits war die von vielen radikalen Basisparteien vorgeschlagene Alternative eines landesweiten, unbefristeten Generalstreiks nicht nur deshalb undurchführbar, weil die Verbandsspitzen nicht bereit waren, sich auf eine solche „Mutter aller Schlachten“ einzulassen, sondern auch, weil der Gewerkschaftsbewegung für eine solch lang anhaltende, ressourcenintensive Maßnahme die nötigen organisatorischen Voraussetzungen fehlten.24
2010 – In einen unbefristeten Streik treten ab heute (März 2010) die Krankenhausärzte; viele von ihnen habe seit November 2009 keine Überstunden mehr bezahlt bekommen. (Dachverband ADEDY).
2011 – Mitte Mai wurde Streikende bei einem Generalstreik mit äußerster Härte von den Sondereinheiten der Polizei (MAT) angegriffen. “Die Polizei wird mehr und mehr zur ernsten Gefahr für die innere Sicherheit2, kommentierte die linksliberale “Eleftherotypia”.25
2012 – der nationale Manteltarifvertrag wurde de facto ausgesetzt. Der Mindestlohn wurde einseitig durch die Regierung festgesetzt. Der Mindestlohn wuurde von 750 Euro auf 586 Euro (für AN:innen über 25 Jahren) bzw. 510 Euro (für AN:innen unter 25 Jahren) gesenkt.
2013 – wurde vom konservativen Ministerpräsidenten Antónis Samarás ein Streikverbot im Arbeitskampf der Metrobeschäftigten verhängt. Die Metroarbeiter:innen hatten trotz eines Gerichtsurteils, das den Ausstand für illegal erklärte, ihren Streik fortgesetzt. Ihr Widerstand richtete sich gegen drastische Gehaltskürzungen, Fahrpreiserhöhungen, Kündigungen und die Privatisierung des öffentlichen Personennahverkehrs. Den Beschäftigten war es daraufhin für eineinhalb Jahre untersagt, in Streik zu treten. Zur gleichen Disziplinarmaßnahme griff die Regierung in Mai 2013, als die Lehrer:innen während der panhellenischen Schulabschlussprüfungen einen Streik ausriefen.
Folgende Tabelle aus den WSI-Mitteilungen 2014 – Mitglieder der GSEE (2013) etwa 2 Mill. AN:innen (44,7 % der aktiven Bevölkerung lt. OECD 2012)26

2013 – Die Organisationsebenen der GSEE
- Die unterste Ebene wird von den nach Betrieben oder Produktionsbranchen bzw. Berufen organisiert und es werden Einzelgewerkschaften gebildet.
- Die zweite Organisationsebene besteht aus regionalen Arbeitnehmerzentren und Gewerkschaftsverbänden.
- Auf der dritten Ebene befinden sich die GSEE-Führungsstrukturen.
2018 – Reform des Streikrechts. Es handelte sich um eine mit den Gläubigern im Rahmen der Anpassungsprogramme vereinbarte Maßnahme. Die Reform veränderte das geforderte Quorum, damit die Versammlung beschlussfähig ist: Es wurde von 1/3 der eingeschriebenen Mitglieder auf 1/2 erhöht. Nach wie vor (2019) wird mit relativer Mehrheit über einen Streik abgestimmt.
2019 – Anhebung des Mindestlohn auf 650 Euro, der geringe Mindestlohn für unter 25 jährige wurde abgeschafft.

2023 – die wichtigsten Branchenverbände bzw. Einzelgewerkschaften in Griechenland27

Die wichtigsten Dachverbände28

2024 – Landesweiter Streik der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst im Mai 2024 in Griechenland. Gerichtet ist dieser Protest gegen die grassierende Teuerung und die „Verarmung der Arbeitnehmer“29.
Streikaktion bei Schiffen und Generalstreik im November. Die Seemannsgewerkschaft PNO will am 22. und 23. Oktober einen zweitägigen Warnstreik durchführen. Als Gründe dafür nennen die Arbeitnehmer Differenzen mit den Arbeitgebern. Bei bisherigen Verhandlungen forderten die Gewerkschafter Lohnerhöhungen von 12 %; von Reederseite antwortete darauf bisher nur mit einer Offerte von 3 %.
2025 – die größten Streiks und Proteste in der Geschichte Griechenlands. Generalstreik in Griechenland für höhere Löhne und Gerechtigkeit für Tempi-Opfer
Die größten Gewerkschaftsverbände hielten getrennte Kundgebungen auf dem Syntagma-Platz und dem Klafthmonos-Platz ab, während sich der Gewerkschaftsverband der stalinistischen Kommunistischen Partei, die Militante Arbeiterfront (PAME), auf den Propyläen versammelte. In Thessaloniki trafen sich die Streikenden an der Venizelos-Statue.
Die Hauptforderungen des Gewerkschaftsverbands ADEDY für den öffentlichen Sektor waren: „Maßnahmen zur Bewältigung der hohen Lebenshaltungskosten und der Wohnungskrise; sofortige angemessene Lohnerhöhungen im öffentlichen Sektor; die Regierung soll die Wiedereinführung des 13. und 14. Gehalts im öffentlichen Sektor gesetzlich verankern“.
Quellenverzeichnis:
- Griechenland auf dem Weg in den Maßnahmenstaat? Autoritäre Krisenpolitik und demokratischer Widerstand, Offizin, Hannover, Erstausgabe 2014, ISBN 978-3-945447-02-4, Seite 69 ↩︎
- Quelle ist eine Broschüre der GSEE zum 100jährigen Bestehen der Gewerkschaft. Alle Bilder mit Arbeier:innen 19. Jahrhundert und Anfang 20. Jahrhundert sind aus dieser Broschüre. ↩︎
- Platon Eustathios Drakoulis oder Drakoules (1858 – 27. Mai 1942) war ein griechischer sozialistischer Politiker. Er arbeitete als Dozent an der Universität Oxford und war einer der Pioniere der sozialistischen Arbeiterbewegung in Griechenland. ↩︎
- Kallerjis, Stavros, griechischer Politiker und Publizist, (1865 – 1926) ↩︎
- Liberale Partei 1909 in Griechenland
Die Liberale Partei (Komma Fileleftheron) wurde 1910 von Eleutherios Venizelos gegründet und spielte eine entscheidende Rolle in der politischen Geschichte Griechenlands. Der Aufstand von Goudi im August 1909, der als Militärputsch und bürgerliche Revolution angesehen wird, führte zu weitreichenden Reformen und ebnete dem langjährigen Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos den Weg an die Macht. ↩︎ - Arbeit und Wirtschaft, 1957, Heft 10 ↩︎
- Siehe Athen – Reader 2023 Nikos Potamianos ↩︎
- Kostas Chatzopoulos gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der griechischen Literatur und zu den Pionieren der sozialistischen Ideologie ↩︎
- ÖNB – digitales Archiv, der Weckruf am 23.Juli 1921, Seite 5 – Die Gewerkschaftsbewegung auf dem Balkan von G. Dimitrow ↩︎
- Athen Reader von Present History 2023, The Greek Labour Movement and National Preference Demands, 1890 – 1922 von Nikos Potamianos ↩︎
- Athen Reader von Present History 2023, The Greek Labour Movement and National Preference Demands, 1890 – 1922 von Nikos Potamianos ↩︎
- Athen Reader von Present History 2023, The Greek Labour Movement and National Preference Demands, 1890 – 1922 von Nikos Potamianos ↩︎
- Arbeit und Wirtschaft, 1957, Heft 10 ↩︎
- Athen Reader von Present History 2023, The Greek Labour Movement and National Preference Demands, 1890 – 1922 von Nikos Potamianos ↩︎
- ÖNB-digitales Archiv, Salzburger Wacht am 19. Juni 1928, Seite 1 ↩︎
- ÖNB-digitales Archiv, Der Weckruf am 26. Februar 1930, Seite 2 ↩︎
- Griechenland – die Last der Geschichte (Seite 48) von Paul B. Kleiser aus dem Reader „Widerstand, Kollaboration und Bürger*innenkrieg Griechenland 1941-1949 zur Studienreise 2010 von Present History. ↩︎
- Griechenland – die Last der Geschichte (Seite 50) von Paul B. Kleiser aus dem Reader „Widerstand, Kollaboration und Bürger*innenkrieg Griechenland 1941-1949 zur Studienreise 2010 von Present History. ↩︎
- Nicolas Cassandras – Zwischen Skylla und Charybdis – Griechenland unter der Diktatur, Verlag des ÖGB, 1968 ↩︎
- EDA – Die Partei wurde als Zusammenschluss mehrerer linksgerichteten Parteien im Juli 1951 von bekannten Politikern gegründet, viele Ex-Mitglieder der Volksbefreiungsarmee ELAS. Ursprünglich als Ersatz für oder politischer Arm der verbotenen Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) geplant, bekam sie ein eigenes pluralistischeres und gemäßigteres Profil. ↩︎
- Arbeit und Wirtschaft, 1957, Heft 10 ↩︎
- Friedrich Ebert Stiftung, Gewerkschaftsmonitor 2019 ↩︎
- Losung auf den Straßen Athens gegen die Politik der Regierung und EU, Griechenland auf dem Weg in den Maßnahmenstaat? Autoritäre Krisenpolitik und demokratischer Widerstand, Offizin, Hannover, Erstausgabe 2014, ISBN 978-3-945447-02-4, Seite 75 ↩︎
- WSI Mitteilungen 2014 ↩︎
- siehe Fußnote 1, Seite 83 ↩︎
- WSI Mitteilungen 2014 ↩︎
- Bernhard Pfitzner Basisinformationen/Informationsquellen zu Gewerkschaften in Griechenland ↩︎
- PSI = Public Services International Die Internationale der Öffentlichen Dienste (IÖD), auch bekannt als Public Services International (PSI), ist eine der Globalen Gewerkschaftsföderationen mit 669 Gewerkschaften des öffentlichen Sektors in 154 Ländern.
EPSU = Der Europäische Gewerkschaftsverband für den Öffentlichen Dienst (EGÖD), engl. European Federation of Public Service Unions (EPSU) ist ein Europäischer Gewerkschaftsverband mit Sitz in Brüssel. Er vertritt 8 Millionen Mitglieder in etwa 270 Gewerkschaften in 49 Ländern.
ETF = Die Europäische Transportarbeiter-Föderation (ETF) ist ein bedeutender Gewerkschaftsverband, der über 5 Millionen Beschäftigte in der Transportwirtschaft in Europa vertritt. Sie ist der europäische Flügel der International Transport Workers’ Federation (ITF) und umfasst mehr als 200 Gewerkschaften aus 41 europäischen Ländern.
ETUCE – Europäisches Gewerkschaftskomitee für Bildung und Wissenschaft
Die ETUCE (Europäisches Gewerkschaftskomitee für Bildung und Wissenschaft) ist ein Gewerkschaftsverband, der 1977 gegründet wurde und 132 Gewerkschaften im Bildungssektor in 51 Ländern repräsentiert. Es hat etwa 11 Millionen Mitglieder und ist Mitglied des Europäischen Gewerkschaftsbundes.
EI = Die Bildungsinternationale (BI) – englisch ‘Education International’ (EI) – ist eine der Globalen Gewerkschaftsföderationen und Dachorganisation von rund vierhundert Bildungsgewerkschaften aus 170 Ländern. Sie wurde 1993 in Stockholm gegründet. ↩︎ - Griechenland Zeitung ↩︎