1907 – Streik der Kleidermacherinnen

Auszug aus dem Buch „WIR.die Frauen der Produktionsgewerkschaft“

Am 18. März 1907 schritten mit „ernstem Selbstbewusstsein“ rund 6.000 Schneiderinnen in Viererreihen die Ringstraße entlang. Aus den Fenstern der Ringstraßenpalais schauten jene Damen zu, für die sie sonst zu Hungerlöhnen in den Werkstätten von frühmorgens bis spätabends „kunstvolle Roben“ herstellten. Bis zu diesem Tag hatte kaum jemand von den „Schneidermädchen“ gesprochen.

Digitales Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek – Illustrierte Kronen vom 19. März 1907 – Titelseite

Chronologie der Streiktage

  • 11. März 1907 – Versammlung in Wieden: Beschluss von Lohnforderungen
  • 17. März 1907 – 3 Versammlungen Streikbeschluss
  • 18. März 1907 – Demonstration
  • 20. März 1907 – erste Unternehmer nahmen Verhandlungen
  • 21. März 1907 – bereits 67 Wiener Firmen hatten zugestimmt
  • 27. März 1907 – endgültige Einigung auf einen Kollektivvertrag

Die Frauen und Mädchen sind unsere Stütze. Auch im Lohnkampf. Wir Männer werden die Arbeit nicht früher aufnehmen, bevor nicht auch die gerechten Forderungen der Damenschneiderinnen bewilligt sind.

Johann Gion, Vertreter des Verbandes der Schneider

Seit 11. März streikten die Wiener SchneiderInnen. Sie forderten den Abschluss eines Kollektivvertrages, in dem Minimallöhne und Überstundenzuschläge sowie die volle Bezahlung der Feiertage verankert werden und außerdem eine Arbeitszeitverkürzung. Für Schneider sollte es eine 15%ige, für Schneiderinnen eine 20%ige Lohnerhöhung geben. Die Unternehmer*innen hatten die Forderungen abgelehnt. (Sie setzten eine Pönale von 3.000 Kronen aus, die jene Firma zu bezahlen habe, die den Forderungen zustimmen würde und verpflichtete die Betriebsinhaber*innen dazu, in bestreikten Betrieben die restlichen Arbeiter*innen auszusperren. Polizei stand vor den Betrieben.) Es sollte bis zum 27. März dauern, bis die Schneidermeisterinnen den Forderungen zustimmten und einen Kollektivvertrag auf vier Jahre abschlossen.

  • Anna Boschek im Namen der Gewerkschaftskommission
  • Amalie Pölzer vom Frauenreichsverband

unterstützten die Frauen bei den Arbeitskämpfen.

Zeitungsausschnitt – Digitalarchiv Österreichische Nationalbibliothek – Arbeiterwille vom 17.3.1907 – Seite 7

Im Jahr 1911 mussten die Schneiderinnen für die Erneuerung des Kollektivvertrages abermals streiken. Nach 18 Tagen stimmten alle Wiener Schneiderbetriebe schließlich zu. – 15 % Lohnerhöhung für Frauen, die weniger als drei Kronen am Tag verdienten – alle darüber erhielten bis zu 50 Heller mehr – Minimallohn von zwei Kronen (bisher zwischen 60 und 80 Heller) – Überstundenzuschlag und Lohnkategorien wurden eingeführt – Feiertage mussten voll bezahlt werden, wenn auch nur zwischen 8-14 Uhr gearbeitet wurde – der 1. Mai war frei – aber ohne Bezahlung – etwaige Streitigkeiten aus dem Lohn- und Arbeitsverhältnis sollten durch eine einzusetzende Kommission, die zur Hälfte aus Arbeiter*innen und Unternehmern bestehen sollte, geschlichtet werden.

Der Artikel in der Arbeiterzeitung am 18. März 1907 aus dem digitalen Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek


Buchvorschlag –
„WIR.die Frauen der Produktionsgewerkschaft“


Weitere Quellen

Zeitungsausschnitt – Digitalarchiv Österreichische Nationalbibliothek – Arbeiterwille vom 17.3.1907 – Seite 7
[Bild: Digitales Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek – Kronenzeitung vom 19. März 1907 – Titelseite