Marie Jahoda

Ein Ausschnitt ihres Lebens als Mitglied der Revolutionären Sozialisten und Widerstandskämpferin in Österreich.

„Ich sprach mit Leidenschaft gegen das bestehende elitäre System“

Dieses Zitat stammt aus einer Rede beim Maiaufmarsch 1926 als Vorsitzende der Sozialistischen Mittelschüler Wiens.

Foto: In der Uni -Wien aufgenommen.

Als Jüdin, Akademikerin, Sozialistin und Frau war sie dem Austro-faschismus unter dem Dollfuß- und Schuschniggregime ein besonderes Dorn im Auge. Diese Verurteilung hat ihr womöglich das Leben gerettet, den nach der Freilassung muss sie das Land verlassen und für die Nazis nach dem einmarsch 1938 nicht mehr greifbar war. Sie geht in das Exil nach England.

Anhaltehaft – Polizeistrafe – Gericht
Polizeiwillkür von 1934 bis 1938 in Österreich

Die Anhaltehaft ist eine polizeiliche Verwahrungshaft, wo die betroffene Frau nicht dem untersuchungsrichter übergeben werden muss. Erst nach der Anhaltehaft sollen die Frauen dann ihre Polizeistrafe bekommen und nachher erst vor Gericht gestellt werden. Für dasselbe Delikt wird man dreimal bestraft.

Österreichische Nationalbibliothek – Digitales Archiv – Arbeiterzeitung, erschienen in Brünn am 20. Jänner 1937, Seite 11

Am 2. Juli fand der Prozess nach den Durchsuchungen der Institute und Wohnungen statt. Bei den Polizeiverhören hatte Marie Jahoda die Devise

„Den Tatbestand leugnen, nicht aber die Gesinnung“

Sie leugnete nie, dass sie Funktionärin der Revolutionären Sozialisten sei. Sie stritt alle Bekanntschaften ab und verschleierte alle Tatbestände. Nach Beginn der Verhöre verliefen die Verhöre der Polizei wenig erfolgreich. Sie musste 5 Mitgefangene von Marie freilassen. Die Polizei erhöhte den Druck – Kreuzverhöre, 2 Stunden und mehr bei stehenden Verhören bei grellem Licht.

Alle Artikel – Österreichische Nationalbibliothek – Digitales Archiv – Kleine Volkszeitung am Samstag, den 3. Juli 1937, Bericht über den Gerichtsprozess, Seite 11 – 13

„Ich spielte die Unschuldige. Sie wußten, dass ich log; ich wußte, dass sie logen. Jede Seite wusste, dass die andere Seite log. Aber sie brauchten ein Geständnis oder einen Beweis. Sie erzählte mir, Lotte wäre schwer krank, und wenn ich ein Geständnis ablege, würden sie mir erlauben, mich nach ihr zu erkundigen. Nun ist es schön und gut zu wissen, dass sie logen, aber wenn man erst einmal in seiner Zelle ist, fragt man sich doch: Wenn es nun doch stimmt? Würden sie es nicht ausnutzen?“

Marie Jahoda in ihren Erinnerungen

Höhere Intellegenz war für Regime des Christlich-Sozialen Schuschnigg und der rechten Clique gefährlich, deshalb gab es auch Marie Jahoda höhere Strafen.

Marie Jahoda wurde schließlich wegen Hochverrats und der Unterstützung einer staatsfeindlichen Organisation verurteilt, als Folge internationaler Interventionen jedoch nach neun Monaten Haft vorzeitig entlassen. Der Preis dafür war hoch: Sie verlor im Alter von 30 Jahren ihre österreichische Staatsbürgerschaft und musste im Sommer 1937 nach England emigrieren.

Foto Wikipedia


Ihr Wirken in Marienthal

Marienthal, eine Industriesiedlung südlich von Wien, nach dem Bankrott der örtlichen Textilfabrik ein Ort von Arbeitslosen, erlangt durch eine sozialwissenschaftliche Studie über die wirtschaftlichen und sozialen Folgewirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit traurige Berühmtheit.
„Früher war es ja herrlich in Marienthal, schon die Fabrik war eine Zerstreuung. Im Sommer ist man spazierengegangen und die vielen unterhaltungen! „Jetzt habe ich gar keine Lust auszugehen“, beschreibt eine Frau, wie das Leben in Marienthal durch die Arbeitslosigkeit verändert worden ist.
Aber nicht nur Hunger und die Unmöglichkeit, die Familie ausreichend materiell zu versorgen, prägen den Alltag der Arbeitslosen. Auch die sozialen Kontakte werden eingeschränkt, selbst das Zeitgefühl verändert sich: Losgelöst von der Arbeit und ohne Kontakt zur Außenwelt, haben die Arbeitslosen die Möglichkeit eingebüßt, die Zeit zu verwenden.
Wo es nicht gelingt, die Arbeitslosen aufzubauen, macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Die Selbstmorde nehmen rapide zu. Aber auch neue Formen des Zusammenhalts, gemeinsamen Widerstands entstehen.


Buchvorschlag

Die Sozialpsychologin Marie Jahoda (1907–2001) saß 1936/37 neun Monate in Haft. Ihr Verbrechen war, als Revolutionäre Sozialistin die Diktatur des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes bekämpft zu haben. Bei den Verhören und vor Gericht hielt sich Jahoda strikt an eine Regel der konspirativen Untergrundarbeit: Gib nur zu, was nicht mehr bestritten werden kann, und belaste andere nicht.
Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster, Meinrad Ziegler
Akteneinsicht
Marie Jahoda in Haft

Studienverlag
ISBN 978-3-7065-6161-7


„Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und würdigt eine Frau, deren politischer Widerstand gegen Diktaturen Vorbildwirkung als Gegenpol zu einer heute weitverbreiteten Politikverdrossenheit hat – denn: ‚Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur wieder auf.‘“


Friedrich Forsthuber, Präsident des Wiener Landesgerichts für Strafsachen

Quellenverzeichnis

  • Die Presse, Samstag den 15. Jänner 2022 – Spectrum IV, Andreas Kranebitter – die Akte Jahoda
  • Danke an Rainer Plot, der für mich einen Artikel über Jahoda besorgt hat.
  • Buch: Akteneinsicht – Marie Jahoda in Haft – Studienverlag – Hrsg. Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, ISBN 978-3-7065-6161-7
  • Österreichische Nationalbibliothek – Digitales Archiv – Kleine Volkszeitung am Samstag, den 3. Juli 1937, Bericht über den Gerichtsprozess, Seite 11 – 13
  • Jahoda Marie, 1997, Rekonstruktionen. In Dies „Ich habe die Welt nicht verändert – Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, Hrsg Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen, Frankfurt am Main, New York: Campus
  • Österreichische Nationalbibliothek – Digitales Archiv – Arbeiterzeitung, erschienen in Brünn am 20. Jänner 1937, Seite 11
  • Foto aus Wikipedia: Open Media Ltd. – Open Media Ltd – Marie Jahoda and Nicholas van Hoogstraten discussing ‚Money‘ on After Dark on 13 August 1988, with that week’s host Henry Kelly. Other guests included Michael Lee, Owen Oyston, Michael Bassett, , Hannah Ward and Frances Jankowski.
  • Alles über die Grande Dame der Sozialforschung – Günther Sandner, Politik, Falter 48/21 vom 1.12.2021