Mit einem „Warmen“ kein Pardon

Die Unterdrückung von Homosexuellen von den Habsburgern bis zu den Nazis bis heute?

Ich bin noch total aufgewühlt. Nach dem Lesen des Buches von Jürgen Pettinger „Franz – Schwul unterm Hakenkreuz“ empfinde ich unterschiedlichste Gefühle. Zorn, Trauer, Wut. Immer wenn ich mich mit der Geschichte von Unterdrückung beschäftigt habe, habe ich den persönlichen Drang, diese Verbrechen, dieses Leid, diese wahnsinnigen Sauereien an den Menschen hinauszuschreien. Heute versuche ich es mit schreiben.


Das Buch, ein Geschenk von Lotte und Sylvia, das sie uns nach einem Besuch der Gedenkstätte Hartheim zugesendet haben, lag ganz oben am Stapel. Dann höre ich heute am Weg zum Bauernmarkt in Ö1 aus der Serie Hörbilder den Bericht zu Franz Doms. Eine unmittelbare Aufforderung für mich, das Buch zu lesen.

(1) Am Beginn der Sendung machen sie mit der Psychotherapeutin Beatrix W. eine Übung, wo sie Franz einen Platz in der Gesprächsrunde geben. Ich versuche dies auch. Ich gebe ihm rechts neben meinem PC einen Platz, eine Büste stelle ich stellvertretend für ihn auf. Was würde ich ihm nach dem Lesen des Buches sagen:

„Zuerst Sprachlosigkeit bei mir – wenn ich ihn weiter anblicke – es tut mir leid, dass deine Liebe zu einem Mann mit solcher persönlicher und gesellschaftlicher Brutalität beantwortet wurde. Dann will ich ihn trösten. Aber welche Worte soll ich dazu wählen. Er hat seine Liebe mit dem Tod bezahlt.“

Ich stelle Franz etwas beiseite und horche in mich selbst hinein. Welche Vorurteile schlummern noch immer in mir selbst? Ich bin vor 50 Jahren in einer Landgemeinde und später in einer Arbeiterkultur aufgewachsen, wo Homosexualität totgeschwiegen, verniedlicht oder als abartig gebrandmarkt wurde. Erst die politische Aufklärung in der Gewerkschaftsjugend hat das Thema besprechbar gemacht.

Zurück zum Buch – Jürgen Pettinger hat den Menschen Franz Doms hinter den Gestapo-Akten sichtbar gemacht. Aber auch das System bloßgestellt, nicht nur den NSDAP-Apparat, sondern auch die Nachbarn, den Spitzel, die erpressten Helfershelfer – die Werkzeuge des Apparats.
Eingebettet in das Leben von Franz Doms, seinen Ängsten, der Not, der Liebe, die er erleben konnte. Mich hat das Buch zum Schreiben dieses Artikels inspiriert.

Seite 45/46 im Buch:
„Wir machen jetzt ein bisschen Schädelgymnastik!“, sagte der Beamte, schaltete das übertriebene Grinsen in seinem Gesicht aus und fügte eindringlich hinzu: „Das ist gut für ihr Gedächtnis, Herr Doms.“
Die Männer, die sich im Kreis dicht um ihn herum aufgestellt hatten, setzten sich in Bewegung. Ein Schlag auf den Hinterkopf und eine Stimme dicht an seinem Ohr:
„Warum soll der Führer dich am Arsch lecken?“
„Das stimmt nicht!“ antwortete Franz automatisch.
Wieder ein Schlag und eine andere Stimme:
„Was hat der Führer dir getan?“
„Gar nichts-„
Noch ein Schlag.
„Hast du eine Ahnung, was der Führer alles getan hat für Mistviecher wie dich?“
Dann wieder ein Schlag und noch eine Frage. Der nächste Schlag. Die nächste Frage. Schon nach kurzer Zeit brummte Franz derart der Schädel, dass er gar nichts mehr denken konnte…..

Seite 134 im Buch:
Mit einem so breiten wie schelmischen Grinsen strahlte Kurt ihm ins Gesicht und umarmte ihn ungestüm zur Begrüßung. Franz war wie gelähmt vor Überraschung und Freude und ließ es gerne mit sich geschehen. Erst jetzt entdeckte er hinter Kurts Rücken sogar noch seine Schwester, die ebenfalls gekommen war. Die zwei mussten sich abgesprochen haben,….

Jürgen Pettinger – Franz – Schwul unterm Hakenkreuz
Verlag Kremayr & Scheriau, ISBN 978-3-218-01286-7

Noch zwei persönliche Anmerkungen:
1. Wenn heute wieder Menschen wegen einer möglichen Impfpflicht auf die Strasse gehen und sich mit den Opfern des Faschismus gleichstellen, ist das neben Geschichtsunverständnis, auch grenzenlose Beleidigung der Opfer dies Faschismus. Ich achte das demokratische Recht seine Meinung zu äußern und kund zu tun, aber diese Gleichstellungen mit der Verfolgung, Unterdrückung und Ermordung der Menschen im Faschismus sind zu unterlassen und zu verbieten. Und politische Mandatare, die öffentlich die wissentliche Lüge zur Agitation verwenden, sollten aus allen ihren Ämtern zurücktreten.
2. Auf der Gedenktafel im Landesgericht Wien, wo hunderte Opfer der NS-Justiz aufgeführt sind, fehlt der Name Franz Doms – weshalb wohl?


Gerade erfahren: Mein Buchbaby #FRANZ. Schwul unterm Hakenkreuz (Verlag ⁦‪@KremayrScheriau‬⁩) wird Schularbeits- und Maturastoff in Deutsch 🤓 (2)


Quellenverzeichnis

  • (1) Bild von Franz Doms aus Ö1
  • (2) Tweet von Jürgen Pettinger am 18. Jänner 2022