Robert Zimmerbauer von Nazis ermordet

4. März 1933

Betriebsversammlung der Lederarbeitet*innen der Fa. Vogl in Mattighofen

Betriebsratsobmann Josef Kaiser referierte im Gasthaus „Zur Post“ seinen Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr. Der Linzer Gemeinderat Höglinger und sozialdemokratischer Kammerrat hielt ein Referat. Es waren etwa 150 Teilnehmer*innen bei der Versammlung, davon ca. ein Drittel Nationalsozialisten. Während der Versammlung lieferten sich beide Gruppen Schimpfduelle, besonders die Ausführungen eines nationalsozialistischen Belegschaftsvertreters erhitzten die Gemüter. Beim Hinausgehen kam es zu einem Handgemenge (Rauferei) zwischen beiden Gruppen, wobei ein Nationalsozialist eine Oberkieferdurchtrennung erliet und fünf seiner Parteifreunde leichtere Verletzungen davon trugen.

Gegen 21 Uhr abends begleiteten Wehrsportler den Linzer Referenten sicherheitshalber zur Bahn. Als die Wehrsportler vom Bahnhof weggingen, wurden sie von einer Bande Nazis, etwa 50 Burschen, die mit Messern und Totschlägern bewaffnet waren, überfallen. Die Arbeiter setzten sich heftig zur Wehr und als die Gendarmen eintrafen, war schon wieder Ruhe.

Das Todesopfer

Am Sonntag um 5 Uhr früh wurde auf dem Holzlagerplatz der Firma Goldberger der sozialdemokratische Lederarbeiter und Sohn des Ortsvertrauensmannes Robert Zimmerbauer aus Moos bei Mattighofen tot aufgefunden. Neben der Leiche lag eine Trommelrevolver und vermutete zuerst, dass dies Tatwaffe sei und Robert Zimmerbauer damit in den Hinterkopf geschossen wurde.
Der Obduktionsbefund hat ergeben, dass er nicht erschossen wurde, sondern erstochen worden ist. Eswurden gegen ihn von rückwärts drei Messerstiche geführt. Einer traf oberhalb des rechten Ohres gegen das Hinterhaupt und bewirkte eine Durchtrennung des Schädeldaches und war unbedingt tödlich. Ein zweiter traf die rechte Schulter und ging 12 cm tief. Ein dritter Stich ging in die Nähe des Haarwirbels am Kopf.

Reichs-Organ der Arbeiter Radfahrer, 1933, Heft 9

Die Täter

Der Haupttäter, der Messerstiche ausgeführt hat, war SA-Mann Josef Senktaler aus Pischelsdorf. Er war zu diesem Zeitpunkt wegen schwerer Körperverletzung bereits siebenmal vorbestraft.
Mitbeteiligte an der Tat waren der Hilfsarbeiter Josef Buchner, der Schlosser Ferdinand Simep, der Maler Karl Greifeneder, der Handelsangestellte Martin Gach und der Schmiedegehilfe Johann Fritsch. Sie waren alle Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei. Die Mitbeteiligten, die erwiesener Weise Robert Zimmerbauer mit Totschläger verfolgten, konnten bald verhaftet werden.

Der Haupttäter Senktaler war vom Chaffeur eines Mattighofener Arztes im Auto angeblich ohne dessen Vorwissen um das Geschehene in seinen Wohnort Feldkirchen gefahren worden und hatte sich von dort über die Grenze nach Bayern geflüchtet. Jener Arzt war jedoch als nationalsozialistischer Parteigänger bekannt, und so dürfte er ihn wohl vorsätzlich noch näher an die Grenze haben bringen und zur Flucht verhelfen lassen.

Hans von Hammerstein, Bezirkshauptmann von Braunau am Inn

Die bayerische Gendarmerie, die sonst Flüchtige sofort festnehmen konnte und nach Österreich auslieferte, hatte die Spur des Täters verloren und alle Nachforschungen blieben erfolglos.
Am Vortag waren die deutschen Reichtagswahlen, wo die Nationalsozialisten stimmenstärkste Partei wurden. Der Mörder landete wahrscheinlich in der Österreichischen Legion (paramilitärische Einheit) der Nazis, die in Bayern aufgebaut wurde.

Proteste der Arbeiter*innen am Marktplatz in Mattighofen

SA-Leute in Uniform rücken aus Mauerkirchen an

Walter Hiedler, Kreisleiter in spe der NSDAP, gleichzeitig Leiter der Molkerei in Mauerkirchen rückte mit zwei Dutzend SA-Leuten in Uniform am Marktplatz ein. Er weigerte sich, trotz Aufforderung durch den Bezirkshauptmann (Hammerstein), den Ort zu verlassen. Er verweigerte mehrmals den Abzug und forderte von Hammerstein, dass zuerst die „Kommunisten“ den Platz zu räumen hätten. Die SA durfte sich unter Duldung des Bezirkshauptmanns, der von der Forderung des Abzugs abrückte, in ein Gasthaus am Südende des Marktplatzes zurückziehen.
Der SA-Trupp bekam am Abend militärischen Geleitschutz vom Bezirkshauptmann (in der Neuen Warte nennt man ihn nach wie vor „Baron Hammerstein“) zugesprochen.

SDAP-Funktionäre verlangten den Abzug der SA

Nach der Nachricht vom Mord an Robert Zimmerbauer strömten die Arbeiter*innen des Marktes und der ganzen Umgebung auf dem Hauptplatz zusammen. Bei der Demonstration gegen die braunen Mörder forderten sie lautstark den Abzug der SA-Bande. Der sozialdemokratische Abgeordnete des Bezirks, Dr. Jetzinger (ursprünglich katholischer Priester, dann deutschnationaler und schließlich sozialdemokratischer Politiker) versuchte die Situation zu beruhigen, scheiterte aber an der aufgebrachten Arbeiterschaft.

Räumung des Marktplatzes durch das Militär

Die Härte. die er bei der NSDAP-Bande vermissen ließ, legt nun Hammerstein am Abend gegenüber den Arbeitern an den Tag. Gendarmen mit gefällten Bajonetten und schußbereiten Waffen unterstützt durch Militär mit schußfertigen Maschinengewehren räumten den Marktplatz. Die restlichen Arbeiter wurden im Parteiheim eingeschlossen, dessen Ausgänge vom Militär bewacht wurden.

Das Begräbnis

Sein Name werde immer als eine Mahnung für hohe Wachsamkeit gegen die braunen Mordgesellen stehen.

Ein Redner beim Begräbnis von Robert Zimmerbauer

Am Vormittag, des 8. März 1933 fand das Begräbnis statt. 1400 Mensche beteiligten sich beim Trauerzug, der von Schutzbündlern und Wehrsportler aus Salzburg und Schneegattern unterstützt wurde. Am offenen Grab sang der Arbeitersängerchor ein ergreifendes Abschiedslied.


Quellenverzeichnis

  • 1933-03-06 Arbeiterzeitung – Seite 3 – Artikel „Eine neue Blutat der Nazi“
  • Arbeiterschaft und Nationalsozialismus in Österreich, Hrsg. Rudolf G. Ardelt und Hans Hautmann, 1990, Europaverlag, Wien-Zürich, Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann Instituts für die Geschichte der Arbeiterbewegung, ISBN 3-203-51052-9, Seite 63 ff
  • 1933-03-06 Der Tag – Seite 2 – Artikel „Ein Arbeiter in Mattighofen erschossen“
  • 1933-03-07 Salzburger Wacht – Seite 4 – Artikel „Der Tod des Vertrauensmannes in Mattighofen“
  • 1933-03-09 Neue Warte am Inn – Seite 2 – Artikel „Aufruhr in Mattighofen“
  • 1933-03-14 Salzburger Volksblatt – Seite 8 – Artikel „Nach den Vorfällen in Mattighofen“
  • 1933-03-15 Die Rote Fahne – Seite 5 – Artikel „Der Nazimord in Mattighofen“
  • 1933-03-17 Mühlviertler Nachrichten – Seite 10 – Artikel „Der politische Mord in Mattighofen“
  • Hans von Hammerstein, Im Anfang war der Mord, Verlag für Geschichte und Politik Wien 1981, ISBN 3-7028-0169-3, Seite 45 ff
  • Facebook-Blog @mattighofen6 – Stadtregion Mattighofen – Menschen, Geschichten und Informationen – Artikel „1933: Politischer Mord in Mattighofen“

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