Kampf gegen den Faschismus in Kreta – Teil 4

Die Zerstörrung eines ganzen Dorfes – Anogia

Wir erreichten Anogia, dass größte Bergdorf Kretas mit ca. 2400 Einwohnern. Es liegt mit Unter- und Oberdorf zwischen 750 und 800 Meter Höhe auf einem Bergkamm am nördlichen Fuße des Ida-Gebirgsmassivs. Hier muss es in den letzten Tagen kräftig geschneit haben, denn die Schneeräumung war voll im Gange. In einem kleinen Supermarkt bekommen wir von der Besitzerin den Tipp zum Standort der Gedenkstätte.

Gedenkstätte am Hauptplatz

Wir parkten unseren Leihwagen unterhalb der Gedenkstätte in einer der beiden Hauptstrassen des Ortes. Der ganze Platz wurde mit griechischer Musik beschallt, die aus großen Lautsprechern kam. Bei heulen am Samstag die Sirenen hier gibt es griechische Musik, wobei diese Annahme durch nichts bestätigt ist.

Die dramatischen Ereignisse 1944

Kurz vor dem Beginn des Abzug des größten Teils der deutschen Truppen von der Insel verschärften sich Anschläge von Partisanen. Auch in Anogia, der Heimat der Partisanengruppe um Michael Xylouris, die Monate zuvor auch an der Entführung von General Kreipe beteiligt war, kam es am 7. August 1944 zu einem Zwischenfall: Eine deutsche Einheit unter Leitung von Feldwebel Ollenhauer, Chef eines kleinen Postens in Drosia an der Straße zwischen Iraklio und Rethymnon, mit Befehlen zur Zwangsarbeit in den Ort. Als niemand den Befehlen nachkam, ließ Ollenhauer eine große Menge von Dorfbewohnern, überwiegend Frauen mit kleinen Kindern und alte Menschen, zunächst auf dem Dorfplatz gewaltsam zusammen- und danach aus dem Ort treiben. Zwei Kilometer außerhalb von Anogia wurde Ollenhauer mit seinen Leuten von Partisanen angegriffen, überwältigt und später, nachdem die Geiseln befreit waren, exekutiert.

Am 13. August 1944 erließ General Friedrich Wilhelm Müller, Kommandant der ,,Festung Kreta“, den Befehl zur Zerstörung Anogias und Tötung aller männlichen Einwohner des Ortes (siehe Bild).

Der am 13. August 1944 beginnenden Zerstörung fielen alle auffindbaren männlichen Dorfbewohner (die meisten Männer hatten sich wegen befürchteter Vergeltungsmaßnahmen vorher in Sicherheit gebracht) wie auch Greise, Frauen und Kinder zum Opfer. Die Brandschatzungen dauerten bis zum 5. September an; Nachts zogen sich die Deutschen in das Nachbardorf Sisarha zurück

und kehrten jeweils am Morgen wieder. Alle Häuser Anogias wurden zerstört.
Anogia war lediglich das erste der im August 1944 von deutschen Truppen vollkommen zerstörten Dörfern Kretas, in denen „Bandentätigkeit“ vermutet wurde, die den Abzug der Deutschen hätten stören können: wenige Tage später erlitten weitere 13 Dörfer, unter anderem Gerakari, Vryses, Ano Meros und Kria Vrysi, dasselbe Schicksal.

Die Deutschen befahlen den Einwohnern innerhalb einer Stunde den Ort zu verlassen. Dann brannten sie die Häuser nieder, und sprengten diese anschließend mit Dynamit. Die Einwohner, die wegen ihres Alters oder ihrer Gebrechen das Dorf nicht verlassen konnten, brachten sie um. Von den 950 Häusern Anogias ist nicht eins übrig geblieben.

Tote und Vermisste – Nach dem offiziellen Totenregister wurden während der gesamten Besatzungszeit 117 Einwohner von den Deutschen exekutiert.
Aufgenommen vor Ort – die Hintergrundmusik kam aus den Ortslautsprechern

Dieses Denkmal zeigt den Stolz der BewohnerInnen, die sich Jahrhunderte gegen die Osmanische Besatzung geweht haben und den Faschistische Diktatur bekämpft haben.


Die Wehrmacht hat den 8-jährigen Stefanis Xylouris hingerichtet:

Ein unbewaffnetes Kind wurde Opfer des deutschen Besatzers und es vergingen 6 Tage und Nächte, bevor er begraben werden konnte.
Als das Dorf brannte, war es ein schwarzer Tag und den Vater von Stefanis traf die erste Kugel.

Am zentralen Platz des Unterdorfes erinnert die Statue eines bewaffneten Partisanen an den Kampf der Bevölkerung gegen die deutsche Besatzung.

Der Lyraspieler und Sänger Nikiforos Aerakis hat, nach Überlieferung von einer Bewohnerin Anogias, folgendes versöhnliche Lied geschrieben.

Giorgis Vrentzos singt dieses Lied

O, meine Madonna aus Anogia
Eines Sonntagmorgens, zur Zeit der Liturgie
kamen die Deutschen nach Anogia und wollten Partisanen für sich gewinnen.
Partisanen, die mit ihnen gemeinsame Sache machten, konnten sie nirgends finden,
sie fanden nur Alte, Frauen und Kinder vor, und nahmen sie ein, besetzen das Dorf.
Oh, Blumen blüht nicht, Vöglein zwitschert und singt nicht.
Anogia wird von den Deutschen bis auf die Grundmauern abgebrannt.
Ihr sollt darum trauern, ihr sollt darüber betrübt sein.
Zugvögel kamen aus der Wüste und der Einsamkeit um den Sommer dort zu
Verbringen. Aber sie fanden in Anogia keine einzige Mauer und Wand vor,
um ihre Nester darin zu bauen.
Oh, Panagia mou, Anogiani, wo warst Du zu jener Stunde
Als sie Feuer gelegt haben in unserem geliebten, berühmten Anogia.


Der Kampf gegen die griechische Militärdiktatur

Wir entdeckten ein weiteres Denkmal eines kretischen Widerstandskämpfers aus diesem Dorf. Die Kunst der Lyramusik hat hier Tradition.

Nikos Xylouris wurde 1938 in Anogeia als Kind einer Familie mit großer musikalischer Tradition geboren. Er verkörperte die musikalischen Klänge seines Geburtsortes, das Ethos und den Mut der Kreter. Er vertrat Griechenland 1966 international und gewann den ersten Preis beim San Remo Volksmusikfestival. 1967 stellte er die erste kretische Veranstaltungshalle, Erotokritos, in der Stadt Heraklion auf der Insel von Kreta her.

1973 zeigte er sich als mutiger Freiheitskämpfer gegen die Diktatur der Militärjunta Papadopoulos, als er am 17. November bei der Revolte der Studenten im Polytechnikum in Athen auftrat.

Die Hochschule war von Panzern der Junta umstellt, als Xylouris seine Lyra ergriff und das alte kretische Freiheitslied „Pote sta kani Xasteria“ sang, das schon seine

Vorfahren als Hymne des kretischen Befreiungskampfes gegen die Osmanen anstimmten. Danach begann der schnelle Niedergang der faschistischen Diktatur in Griechenland. So wurde Xylouris, der Volkskünstler, zu einem Volkshelden.


Quellenverzeichnis

  • Das Projekt „Gedenkorte Europa“ des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945 soll Reisende informieren, die die Nachbarländer Deutschlands in West- und Südeuropa besuchen und die sich – neben Kultur, Landschaft, Sprache und Erholung – auch für die jüngste Geschichte dieser Länder interessieren, die im Zweiten Weltkrieg von den Truppen und Organisationen Nazi-Deutschlands besetzt waren.
  • Wikipedia
  • Kreta – Wiki
  • Volksmusik und Widerstand – Nikos Xylouris