Wie die Geschichte des Nationalsozialismus erzählen?

Ein Beitrag von Elisabeth Luif

Im Rahmen unserer Studienreise nach Thüringen zum Thema „Faschismus und Antifaschismus in historischer und aktueller Perspektive“ besuchten wir, der Verein Rote Spuren, im Sommer 2019 zwei offizielle, museale Orte der Erinnerung an den Nationalsozialismus: Ein Museum über die Firma Topf & Söhne, die „Ofenbauer von Auschwitz“ und die Gedenkstätte des KZ Buchenwald.

Gleich zu Beginn der Führung im Museum und ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Topf & Söhne wurde betont, dass wir uns an einem Täterort befinden. Die Frage der Täterschaft wird in der Ausstellung in Folge differenziert behandelt: Die Firmeneigentümer waren keine dezidierten Nazis, dennoch ging die Firma freiwillig einen Vertrag mit der SS zum Bau von Verbrennungsöfen für zahlreiche Konzentrations- und Vernichtungslager ein. Dabei wird gezeigt, dass Handlungsspielräume bestanden. Am Beispiel einzelner Mitarbeiter wird die aktive Involvierung in den Vernichtungsapparat des NS dargestellt. 

Bei einer anschließenden Stadtführung zum Thema „Erfurt im Nationalsozialismus“ mit Kollegen aus dem DGB erfuhren wir noch weitere Aspekte der Geschichte von Topf & Söhne. Es gab beispielsweise Solidaritätsaktionen kommunistischer Arbeiter mit sowjetischen Zwangsarbeitern. Wir sprachen außerdem über die Entstehung des Museums. Nach der Pleite der Firma verfiel das Areal zunehmend und wurde 2009 von Aktivist*innen besetzt. Diese thematisierten bald die Geschichte des Ortes, zahlreiche Infotafeln wurden aufgestellt, es blieb aber gleichzeitig ein kulturelles Zentrum. Nach dem Verkauf an einen Investor wurde die Besetzung geräumt und das Areal zu Gewerbegrund umgewidmet. Dafür erhielt die Stadt das Verwaltungsgebäude der Firma als Museum. Seitdem ist die Erinnerung institutionalisiert und der aktiven Erinnerungspolitik von unten eine professionalisierte top-down Einrichtung geworden.

Im Laufe unserer Reise besuchten wir auch die Gedenkstätte des KZ Buchenwald. Das Konzentrationslager bestand bereits seit 1937 und wurde zunächst von als „asozial“ Verfolgten und politischen Gefangenen aufgebaut, später wurden auch Jüd*innen und Rom*nija dorthin deportiert. Nach 1945 wurde das Lager von der sowjetischen Armee umfunktioniert um ehemalige und vermeintliche Nazis zu internieren. 

Blick auf einen Teil des Areals des ehemaligen Konzentrationslagers

In der DDR wurde Buchenwald bald zu einer Gedenkstätte, wobei der Fokus auf die antifaschistische Widerstandstätigkeit im Lager gelegt wurde. Diese Erzählweise ist heute noch anhand zahlreicher älterer Gedenksteine sichtbar, die allerdings wie Relikte vergangener Zeiten wirken. Heute wird in Buchenwald erstmals auch das sowjetische Speziallager thematisiert, zur Geschichte des Konzentrationslagers dominiert hier wieder – ähnlich zum Museum Topf & Söhne – der Blick auf die Täter. An das KZ angeschlossen war eine Ausbildungseinrichtung der SS, wo die Auszubildenden gleich praktische „Erfahrungen“ im Umgang mit „minderwertigen“ Häftlingensammeln konnten. Auch der ehemalige Hundezwinger der SS kann besichtigt werden. 

Es ist zu begrüßen, dass die Gedenkstätte Buchenwald die Täter und die breite Unterstützung der umliegenden Bevölkerung thematisiert, ein Aspekt, der zu DDR-Zeiten ausgeblendet wurde. Dennoch ist auch diese Ausstellung nicht neutral, sondern macht nun die Widerstandstätigkeit im Lager unsichtbar. Am Beispiel der älteren Gedenksteine könnte dieser Aspekt – durchaus kritisch – thematisiert werden.

Wo bleibt der Blick auf die Opfer und den Widerstand?

An beiden Erinnerungsorten dominiert der Blick auf die Täter. Es ist einerseits wichtig, die Mittäter*innenschaft großer Teile der Bevölkerung ins Blickfeld zu rücken. Es geht dabei nicht nur um eine Skandalisierung, sondern auch um ein besseres Verständnis über die Ursachen der NS-Herrschaft. Andererseits wird aber die Geschichte des Widerstands ausgeblendet. Denn trotz der brutalen Verfolgung durch die Nazis gab es Menschen, die sich dafür entschieden, Widerstand zu leisten und den engen Handlungsraum, den es dennoch gab, zu nutzen. 

Zugespitzt kann die Aussage an beiden Orten also so formuliert werden: Angesichts eines (totalitären) Staates ist widerständiges Handeln zwecklos. Der Verlauf der Geschichte ist schon von vorneherein determiniert. Das korrespondiert auch mit der Professionalisierung und Institutionalisierung von Gedenkkultur: Erinnern wird top-down verordnet. Das einzige, was wir tun können, ist passiv zu gedenken und die Schuld für die Vergangenheit auf uns zu nehmen. 

Die zunehmenden autoritären Tendenzen in unserer Gesellschaft drücken sich also auch in der Geschichtskultur aus. Es braucht daher eine Demokratisierung des Erinnerns! Auch die Geschichte ist ein Kampffeld aktueller politische Auseinandersetzungen.

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