Nadelstiche im Gewissen

Während eines Stadtrundgangs sind uns in Erfurt längliche, graue Gebilde mit orangen runden Köpfen aufgefallen, die wie überdimensionelle Stecknadeln im Straßenbelag stecken. Es sind Nadeln, die uns an die brutalste, entmenschlichste Form des Kapitalismus erinnern. An eine Zeit und Geschehnisse, wo Menschen mit erwünschten Tötungsabsichten „gewinnbringend“ gefoltert, gequält und durch Arbeit bestialisch getötet wurden.

Mit diesen DenkNadeln wird in Erfurt dezentral an durch die Nazis ermordeten Juden aus Erfurt erinnert, ähnlich der Stolpersteine in anderen Städten. Das Denknadel-Projekt wurde vom Arbeitskreis Erfurter GeDenken 1933–1945 entwickelt und entschied sich nach einem Wettbewerb 2007 für den Entwurf von Sophie Hollmann. Mit neun DenkNadeln, die im öffentlichen Raum der Stadt stehen, soll zum einen ein Hinweis auf Erfurter Geschichte im Nationalsozialismus gegeben und zum anderen angeregt werden, sich mit den Biografien dieser Erfurterinnen und Erfurter zu beschäftigen.

Mit der gesellschaftlichen Entmenschlichung folgte die öffentliche Demütigung, straßenwaschende Jüdische Menschen unter dem Gejohle der Bevölkerung auch in Wien. Die Diskreditierung ihrer Religion durch jahrhundertelangen Antisemitismus und Verbrennen der Synagogen unter tatkräftiger Mithilfe der örtlichen Bevölkerung. Enteignung ihres Hab und Gutes für die sogenannten „Arier“. Gefoltert, gequält, mißbraucht und durch Sklavenarbeit getötet.

Gedenken an Dr. med. Ernst Ehrlich, 1874 – 1942,
deportiert am 19.09.1942, Theresienstadt.

Der Facharzt für Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten wohnte und praktizierte von 1933 bis 1938 im ersten Stockwerk des Gebäudes. Als ehemaliger jüdischer Frontkämpfer und vor dem 01.08.1914 niedergelassener Arzt war Dr. Ehrlich 1933 noch vom Verbot der kassenärztlichen Tätigkeit ausgenommen. Ab Oktober 1938 betraf das Berufsverbot alle jüdischen Ärzte. Am 9. November 1938 wurde er verhaftet und am nächsten Tag zusammen mit weiteren 179 Männern von der Turnhalle des Realgymnasiums in das KZ Buchenwald transportiert, wo er bis 26.11.1938 inhaftiert blieb. Ab Juli 1939 war er als letzter „Krankenbehandler“ in Erfurt tätig, d. h. ausschließlich zur Behandlung von Juden zugelassen. Dr. Ernst Ehrlich starb am 13.10.1942 im Ghetto Theresienstadt infolge der unmenschlichen Lebensumstände.

DenkNadel, die an Ernst Ehrlich erinnert

Buchtipp – Ausgelöschtes Leben in Erfurt – Juden in Erfurt 1933 – 1945

Das Gedenkbuch „Ausgelöschtes Leben“ umfasst auf 467 bedruckten Seiten 453 Kurzbiografien von als Juden verfolgten Menschen, die zwischen 1933 und 1945 in Erfurt gemeldet waren und nachweislich gewaltsam zu Tode kamen.

Landeshauptstadt Erfurt, Stadtverwaltung (Hg.)
Ausgelöschtes Leben. Juden in Erfurt 1933 – 1945. Biographische Dokumentation
Erfurt 2013
Verlag:  Vopelius Jena
Kosten: 28,80 Euro
ISBN 978-3-939718-72-7


Quellenverzeichnis

Arbeitskreis Erfurter Gedenken